Shooting Star

Durchstarter 2017: Louis Hofmann

Louis Hofmann ist Berlins vielversprechendster ­junger Charakterdarsteller im Film. Auch die Oscar-Akademie in Los Angeles weiß das inzwischen

Foto: Alex Garland

Es kam der Moment, da sie zum ersten Mal nackt vor­einander standen – und den Körper des anderen abtasteten: Louis Hofmann (19) und sein Schauspiel-Kollege Jannik Schümann (24). Das war noch vor den Dreharbeiten für „Die Mitte der Welt“. Zusammen mit Regisseur  Jakob M. Erwa waren sie auf eine Hütte irgendwo im Nirgendwo gefahren. Haben gekocht, waren im Schwimmbad. Und ­haben Übungen gemacht, um sich ganz auf den Anderen einzulassen: sich körperlich spiegeln. Den andern am Finger herumführen. „Damit wir uns vertrauten“, sagt Hofmann, „und uns in den Filmszenen nichts mehr nervös machen konnte.“ Man kann nur sagen: Es hat sich gelohnt. Die Performance von ­Louis Hofmann als fragil-verträumter Phil in der zauber­schönen Adaption des Kult-Jugendbuchs ist die sensibelste, emphatischste, schlicht beste ­Darstellung eines schwulen ­jungen ­Mannes, die es im deutschen, womöglich im internationalen Film je gab.

Sicher ein wichtiger Grund, weshalb Louis Hofmann nun auf der Berlinale zum European Shooting Star gekürt wird. „Phil ist recht weit von mir entfernt“, sagt Hofmann. „Ich wollte zeigen, dass die ganze Zeit sein Kopf rotiert. Ich glaube, ich bin in der Stimme sanfter geworden, leicht höher.“ Auf keinen Fall sollte das aussehen wie: „Seht her, er ist schwul.“ Trotzdem transportiert Hofmann eine Schüchternheit, nicht zuletzt durch eine Körperhaltung, die nicht die von Louis Hofmann als Privatmann ist. „Im Roman ist auf 450 Seiten alles so detailliert beschrieben“, schwärmt Hofmann. Er habe angefangen, bei der Romanlektüre Details anzustreichen wie: „Schnell greift er zu.“ Oder woran Phil in bestimmten Szenen denkt. „Viele Eindrücke schlagen auf ihn ein, die er alle erst mal ordnen und einordnen muss.“ Am schwierigsten, so Hofmann, sei ihm aber gefallen, die alberne ­Seiten von Phil zu zeigen. Er selbst sei einfach nicht der große Witze-Erzähler. Nicht aufgedreht. Und: „Lachen kann noch schneller aufgesetzt wirken als Weinen.“ Recht hat er.
Tatsächlich wird in Hofmanns stärksten ­Filmen mehr geweint als gelacht: Im psycho­brutalen „Freistatt“ (für den er den Bayerischen Filmpreis und den Deutschen Schauspielerpreis bekam) spielt er einen hardcore-rebellischen Erziehungsverweigerer mit Gerechtigkeitssinn. In „Unter dem Sand“ (den die Academy für den Auslandsoscar 2017 nominiert hat) entschärft er am dänischen Strand nach dem Zweiten Weltkrieg Tretminen, die im Lauf des Dramas  einige junge Körper zerfetzen. In beiden dieser Filme von 2015 mimt Hofmann Jungs, die im richtigen ­Moment keine Angst vor Haudrauf-Autorität ­zeigen. Irgendwie passt es dazu, dass er schon 2011 und 2012 in den Neuverfilmungen der Tom Sawyer war. Hofmann zeigt seitdem ein Gespür bei seiner Rollenwahl, das seinesgleichen sucht.

Und munter geht es weiter: Im Komödien-Sequel „Lommbock“ (Start: 23. März)  spielt Hofmann den Sohn der neuen Freundin von Moritz Bleibtreu alias Kai, dem er Probleme macht. Und in der ersten deutschen Amazon-Serie „You Are Wanted“ (Start: 17. März) ist Hofmann, wer hätte das gedacht,  ein Hacker, bei dem Matthias Schweighöfer Rat sucht, nachdem quasi sein Leben gehackt wurde. Kein Wunder, dass Hofmann bei all den Projekten selbst seit seinem Abi kaum mal eine Woche frei hatte. Wenn doch, geht er skaten, mit Freunden ins Café oder feiern. Da sein NC nicht reicht, um Psychologie zu studieren, kann er sich auch Kunst­geschichte gut vorstellen. Beides würde passen, denn Hofmann ist ­einer, der viel präziser hinschaut als andere; der dieses seltene Feingefühl und auch die Akribie mitbringt, um Emotionen und Konstellationen zu verstehen – und wie sie sich darstellen lassen. Die Mitte seiner Welt wird sicherlich das Schauspiel bleiben.

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