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Martin Sonneborn über seinen Film Heimatkunde

Foto_von_Harry_Schnitgertip Warum erscheint der Film „Heimatkunde“ erst jetzt, im Jahr 2008? Man hätte ihn doch auch schon viel früher drehen können.
Martin Sonneborn Er ist unser Geburtstagsgeschenk an die Republik. Deutschland wird 18. Und der Filme?macher Andreas Coerper hat mich erst 2006 gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, einmal um Berlin herumzuwandern, und ob ich dazu auch körperlich und seelisch in der Lage sei. Ich habe mich stark gefühlt und zugesagt.

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Wie lange sind Sie um Berlin herumgelaufen?
Sonneborn Rund vier Wochen. Und dann kam es noch zu Verzögerungen, weshalb der Film erst jetzt in die Kinos kommt: Die Regisseure mussten sich noch ein Haus bauen, an der Grenze. Dahinein ist dann auch das viele RBB-Geld geflossen.

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Dass Sie sich als RBB-Journalist ausgegeben haben, wirft Ihnen auch das Ehepaar in der Nähe von Schönefeld vor, in deren Pool Sie badeten – das Paar fühlte sich von Ihnen getäuscht und vorgeführt. Im „Berliner Kurier“ kamen Sie sogar auf die Titelseite. Wie konnte es dazu kommen?
Sonneborn Die Redakteurin, die den Artikel im „Kurier“ geschrieben hat, hat mich angerufen, weil sie Zitate von mir brauchte. Das ist ja eine abgekartete Sache – der „Kurier“ hat sein schmutziges Boulevard-Spektakel, und wir haben unsere Publicity. Sie rief mich später noch mal an und erzählte mir, ich sei nun auf der Titelseite. Und ich sollte nicht erschrecken, sondern ihr 10.000 Euro für die tolle PR überweisen. Diese Dame hat mir aber auch gesagt, dass sie den Film noch gar nicht gesehen hat. Das heißt, die Geschichte ist entstanden, als die „Kurier“-Redaktion den Film noch gar nicht kannte. Mittlerweile hat sich der Ärger leider aufgelöst, das Ehepaar ist zur Premiere eingeladen, und mein Traum ist, dass bei einer Matinee im International die Dame in einem Pool planscht, am besten in Rotkäppchensekt, und ich danebenstehen darf. Das war übrigens die gefährlichste Station auf meiner Reise.

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Warum? Weil es kalt war?
Sonneborn Nicht nur kalt. Ich stand in 50 Zentimeter tiefem Wasser, und zehn Zentimeter davon waren grüner Schleim.

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Wie …?
Sonneborn Ich habe dann den Poolbesitzer gefragt, wie oft er das Wasser wechseln würde. Der Mann bedeutete mir, Wasser sei teuer. Und er hätte das letzte Mal vor vier Jahren frisches reingefüllt – er würde aber viel Chemie reinschmeißen. Das war noch so altes DDR-Zeug. Eigentlich bin ich der Geschädigte. Und das Ehepaar kann froh sein, dass ich sie nicht verklage.

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In der Filmankündigung wird Kim Jong Il zitiert und viel Schlimmes mehr. Warum müssen Sie immer so dick auftragen?
Sonneborn Das ist normaler Vermarktungsirrsinn, das kennen Sie beim tip doch auch. Das Kim-Jong-Il-Zitat („Ein scheißpoetischer Film!“) ist natürlich ausgedacht gewesen. Aber der Mann ist ja kurz nach Publikwerden des Films verschwunden und kann nun nicht mehr dazu Stellung beziehen – das passt schon alles sehr gut. Und dann steht, glaube ich, nur noch „Der Film zeigt viele kaputte Sachen aus der DDR“ drauf. Und das stimmt ja auch.

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Als Berliner ist man von vielen Situationen im Film nicht wirklich überrascht, zum Beispiel, dass es in einem Teltower Neubauviertel keine Ost-Familien mehr gibt.
Sonneborn Aber die Reaktion der Leute ist erstaunlich. Dass die Vorstellung offenbar absurd ist, dass eine Familie aus dem Osten in einem dieser 400 bizarren Einfamilienhäuser vom Typ 380 A mit Friesengiebel wohnen könnte – mitten auf ehemaligem DDR-Gebiet.

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Gab es etwas, das Sie nachhaltig beeindruckt hat?
Sonneborn Ja, das Resümee des Films: Es hat die DDR nie gegeben, und sie war besser als der Westen. Viele junge Leute wissen kaum etwas über die DDR. Die 16-jährigen Mädchen bei Schönefeld etwa, die ich gefragt habe: „DDR? Ja, das hatten wir irgendwie in der Schule. DDR, das war wie … Krieg!“

Das vollständige Interview finden Sie im tip/21

Interview:
Britta Geithe
Fotos: Harry Schnitger

Heimatkunde Dokumentation,
Deutschland 2007, R: SMAC,
90 Minuten, Kinostart: 2.10.2008

Zur Person:
Martin Sonneborn (Jahrgang 1965) war bis Oktober 2005 Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“.
Im August 2004 gründete er Die Partei, deren Bundesvorsitzender er bis heute ist. Seit November 2006 ist er verantwortlicher
Redakteur für die Satire-Rubrik „Spam“ bei „Spiegel Online“.

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