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Ein Gespräch mit Alison Klayman über Ai Weiwei

Alison Klaymantip Inwiefern haben Sie den privaten Ai Weiwei aus dem Film ausgespart? Ein paar Einblicke gibt es ja doch.
Alison Klayman Die Situation mit seinem kleinen Sohn ist natürlich ein wenig kompliziert, denn es ist sowieso heikel, ein Kind zu filmen, dazu kommt der Umstand, dass die Mutter nicht seine Frau ist. Aber Transparenz ist so wichtig für ihn, dass er auch da nicht kneifen wollte. Es verändert eine Person ja auch, wenn jemand zum ersten Mal Vater wird. Er ist dadurch aber auch erpressbarer geworden, denn die Regierung kann nun auch seinen Sohn behindern. Er sprach aber auch mit den Medien darüber. Es gab also kaum Grenzen der Diskretion.

tip Man liest immer wieder, dass Ai Weiweis Gesundheit sehr angegriffen ist. Wie sind Sie damit umgegangen?
Alison Klayman Wir haben das im Film eher ausgespart. Er nimmt jeden Tag Medikamente, und zwar westliche Medizin. Als er in Haft war, waren alle sehr besorgt um ihn. Aber man hat sich gut um ihn gekümmert, niemand wollte da etwas riskieren. Das eigentliche gesundheitliche Thema waren aber die Folgen seiner Kopfverletzung. Er wird seither schneller müde, das spürt er besonders.

tip Hat sich seine exponierte politische Rolle bei den Dreharbeiten bemerkbar gemacht?
Alison Klayman Irgendwelche Beamte in Zivil sind immer in seiner Nähe. Wenn er und sein Biograf sich in einem Restaurant unterhalten, machen sie sich immer einen Spaß daraus, zu erraten, wer der Beamte sein könnte. Ich selber hatte allerdings nie das Gefühl, dass ich in Schwierigkeiten geraten könnte. Ich habe mich aber auch nicht unvorsichtig verhalten und versucht, eher nicht aufzufallen. Ich hatte eine Presseakkreditierung, deswegen konnte ich legal filmen.

Ai Weiwei - Never sorrytip Was haben Sie über die Kunstwelt begriffen?
Alison Klayman In China durchläuft Kunst gerade ein enormes Wachstum, wie die Wirtschaft auch. Ursprünglich wollte ich den Film mit dem Rundgang von Ai Weiwei auf der „Art Basel Miami Beach“ beginnen. Er trat dort wie ein Rockstar auf, berühmte Galeristen wie Mary Boone waren ganz ehrfürchtig. Das passte aber nach seiner Verhaftung nicht mehr.

tip Demnächst soll er nach Berlin kommen, um an der UdK zu unterrichten. Wie ist sein Verhältnis zu Deutschland?
Alison Klayman Ich glaube, er hat eine besondere Beziehung zum deutschen Publikum. Das hat sich zwar nach der Ausstellung in der Tate Modern ein wenig verschoben, aber im Wesentlichen gilt das immer noch. Seine Beziehung zu den Architekten Herzog und De Meuron spielt sicher auch eine Rolle bei seiner Beziehung zu Europa. Er sagte immer: Die Deutschen interessieren sich wirklich für Politik. Dass er hier ein Atelier haben soll, war übrigens schon vor seiner Inhaftierung angedacht, da ging es also nicht darum, bloß Aufmerksamkeit zu schaffen. Es geht auch nicht darum, dass er wirklich China verlässt. Aber er würde gern die Freiheit von vor 2009 wiedererlangen.

tip Wie wird sich China Ihrer Meinung nach entwickeln? Hin zu mehr Demokratie?
Alison Klayman Ai Weiwei sagt selbst: China ist unvorhersehbar. Ich persönlich glaube, dass das Internet und Social Media eine große Rolle spielen werden. Niemand kann genau sagen, wie sich das niederschlagen wird, aber die Debatten im Land sind vielfältig und bei allem Geschick der Behörden, das Internet zu beschränken, ist das letztlich doch ein aussichtsloses Unterfangen.

Interview: Bert Rebhandl

Foto oben: Monic Wollschläger

Foto unten: DCM

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Ai Weiwei – Never Sorry“ im Kino in Berlin

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