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Ein Gespräch mit Alison Klayman über Ai Weiwei

Alison Klaymantip Frau Klayman, Sie hatten offensichtlich nahezu uneingeschränkten Zugang zu Ai Weiwei. Wie kam es, dass eine relativ unbekannte Journalistin wie Sie in diese Position kam?
Alison Klayman Das hat sich sehr organisch und persönlich so ergeben, das kann man, glaube ich, nicht auf dem Amtsweg so bewerkstelligen. Ich ging 2006 nach China. Meine Motive waren eher vage. Ich wollte Journalistin werden und Dokumentarfilme machen und eine neue Sprache lernen. Damals ahnte ich nicht, dass ich vier Jahre bleiben würde. 2008 kuratierte eine Mitbewohnerin von mir für das Three Shadows Photography Art Center, dessen Gebäude Ai Weiwei auch entworfen hat, eine Fotoausstellung aus den über 10.000 Bildern, die während seiner Zeit in New York entstanden waren. Da half ich mit, das war eine gute Aufgabe für eine ausgebildete Historikerin, wie ich es bin. Ich sah also abends immer diese vielen Ordner durch und irgendwann fragte meine Mitbewohnerin mich, ob ich ein Video über Ai Weiwei für die Ausstellung machen wollte. So kam es, dass ich ihn schon bei unserer ersten Begegnung filmte. In den ersten paar Wochen sprachen wir viel über Politik, über das Erdbeben von 2008, und über sein Blog. Schon bald hatte ich sehr viel Material beisammen. Und mir wurde klar, dass sein Charisma leicht für einen abendfüllenden Film reicht.

tip Wie filmt man einen Mann, bei dem ja auch ohne Ihre Anwesenheit ständig Kameras laufen – Fernsehkameras, aber auch die der persönlichen Dokumentaristen, die für Ai Weiweis Archiv drehen?
Alison Klayman Der Film enthält verschiedenes Material. Ich glaube, ich bin jetzt die Person mit dem meisten Material über ihn, das nicht direkt von seinen Mitarbeitern gedreht wurde. Das Filmen in seiner Umgebung begann ungefähr mit der Arbeit für die documenta 2007, sein Leben im Atelier, die Interviews mit den Medien, all das wird ständig dokumentiert, und ich habe da gar nicht erst versucht, eine besonders originäre andere Position zu finden. Ich war eben auch da.

Ai Weiwei - Never Sorrytip Er wirkt ja auch sehr medienkompetent.
Alison Klayman Absolut. Er gibt sich immer sehr locker und spontan, aber man sollte das nie mit Naivität verwechseln. Er ist sich ständig darüber bewusst, welche politischen Konnotationen alles hat, was er tut, welche neuen Kommunikationsformen es gibt und wie sie sinnvoll eingesetzt werden können. Seine Medienkommunikation ist ein entscheidender Teil seiner Arbeit, auch seiner Politik.

tip Wie entwickelt man da einen eigenen Standpunkt, damit der Film nicht einfach zu einer Auftragsarbeit wird, zu einem Kommunikationsmittel, das letztlich Ai Weiwei bestimmt?
Alison Klayman Es hat sicher geholfen, dass ich am Anfang überhaupt keine Meinung über ihn hatte. Ich wollte einfach wissen: Wer ist Ai Weiwei? Wir dürfen nicht vergessen: Das ist ein Mann, der sein Studio Fake Design nennt und der sich in seiner Arbeit ständig mit Sein und Schein beschäftigt. Ich wollte der Frage nachgehen: Wie ist er in echt? Seit 2009 wird er ja vor allem als Dissident und Menschenrechtler gesehen. Das ist aber nur ein Label, hinter dem sich viel mehr versteckt. Meine Objektivität, wenn man so will, kommt also daher, dass mir vieles neu war. Dadurch musste ich sowieso alles hinterfragen. Dazu kam, dass Freiheit des Ausdrucks für ihn ein Thema ist, das integral sein ganzes Werk zusammenhält.

tip Ein interessanter Aspekt ist, dass wir ihn dezidiert als chinesischen Menschen sehen. Er liebt offensichtlich die Küche seines Landes und gehört dort auch zur Volkskultur.
Alison Klayman Auch das war mir ausdrücklich wichtig, zu zeigen: Ai Weiwei mag ein öffentlicher Intellektueller westlichen Typs und auch ein Kosmopolit sein, aber das ändert nichts an seiner Identität als Chinese. Seine Biografie enthält die wesentlichen Konturen chinesischer Geschichte. Besonders, weil sein Vater eine so wichtige Figur ist. Das wurde mir auch erst allmählich klar. Ich traf zu einem Zeitpunkt auf ihn, als seine Geschichte gerade erst globale Dimensionen annahm: Sein Blog wurde geschlossen, er wurde zum ersten Mal Vater, er hatte die größte Ausstellung seines Lebens. Umso mehr musste ich darauf achten, wo er herkommt – ohne dass daraus eine Geschichtsstunde wird.

Foto oben: Monic Wollschläger

Foto unten: DCM

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