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Ein Gespräch mit Scander Copti und Yaron Shani

tip Der Film hat jetzt auch ein anderes Tempo als ein Thriller.
Copti Er hat das Tempo des Lebens. Der erste Schnitt hatte vier Stunden, man muss also streichen, aber wir wollten diesen dokumentarischen Rhythmus unbedingt beibehalten.

tip Wie haben Sie mit den Schauspielern gearbeitet?
Copti Die Schauspieler haben wir alle gefunden. Wir haben in Schulen und Clubs gesucht, wir haben Flyer verteilt, viele Leute haben sich gemeldet. Es gab ausführliche Workshops, nach rund sechs Monaten haben wir begonnen, Schauspieler auszuwählen. Wir haben ein Haus in Ajami gemietet und dann mit den Schauspielern an den Figuren gearbeitet. Den Film haben wir dann chronologisch gedreht. Es gab vielleicht zwei, drei Leute, die schon Erfahrung als Schauspieler hatten, darunter auch ich selbst. Über diesen Prozess könnte ich stundenlang sprechen, denn es geht darum, wirkliche Emotionen und eine fiktionale Geschichte zu verbinden.
Shani Jede dramatische Situation in dem Film, jeder Gefühlsausdruck ist wahr. Die Schauspieler haben vergessen, dass es Fiktion war. Die Tränen, die Gewalt, die Dialoge, alles kam aus ihnen selbst.

tip Ich stelle es mir schwierig vor, für ein so aufwendiges Regiedebüt die Finanzierung zu finden.
Copti Wir hatten außerordentliches Glück. Wir haben ein Budget für 22 Tage gehabt, zwei Kameras, eine kleine Crew, dafür aber 147 Locations und über 100 Darsteller.
Shani Es brauchte Glück und Hingabe, denn dieser Film ist wirklich gegen jede Wahrscheinlichkeit entstanden. Wir mussten diesen Film einfach unbedingt fertigstellen, er ist wie ein Lebenswerk.

tip Eine unumgängliche Frage: Sehen Sie eine Lösung für den Konflikt in Israel-Palästina?
Copti Die Lösung ist sehr einfach: Gerechtigkeit. Zwei Staaten, ein Staat – da kann man verschiedene Ideen haben, solange es aber keine Gerechtigkeit gibt, wird alles nichts helfen.
Shani Für mich ist es nicht so einfach, denn unter Gerechtigkeit versteht jeder etwas anderes. Ich sehe momentan keine Lösung, denn die Menschen sind in Verzweiflung und Misstrauen befangen.
Copti Im Moment ist die Situation so, dass die Mehrheit alle Karten in der Hand hat, deswegen wird nicht beim Namen genannt, was los ist: Besatzung, Segregation, Not. Im Moment erlauben die Machtverhältnisse in der Welt keine Revolution, deswegen werden die Dinge so bleiben.

Interview: Bert Rebhandl

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