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Spike Jonze im Gespräch

tip Ein gewisses Risiko gingen Sie auch bei der Besetzung ein – ihr kleiner Hauptdarsteller Max Records stand zuvor noch nie vor einer Filmkamera.
Jonze Doch, er hatte in einem Videoclip von Death Cab For Cutie mitgespielt und wurde mir von einem Freund empfohlen, einem unserer vielen Scouts. Wir suchten ein Jahr, bevor ich ihn fand. In der Zeit haben wir eine erstaunliche Menge begabter, cooler Kids getestet, aber erst Max hatte die für den Part benötigte Bandbreite. Er ist mal sehr introspektiv und nachdenklich, als sei er eine alte Seele – und dann bricht sich wieder der wilde, zügellose Junge Bahn. Weil er keines dieser Showbiz-Kinder war, die schon 1000 Castings hinter sich haben, bevor sie „Mama“ sagen können, mussten wir natürlich sehr intensiv miteinander arbeiteten, weil er vieles instinktiv spielte und längst nicht jede Szene aus dem Stand meistern konnte. Aber auf jede Stunde, die wir so arbeiteteten, kamen ein paar brillante Minuten. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass ich den fertigen Film zu großen Teilen ihm verdanke.

tip Was hat Sie denn ursprünglich daran gereizt, einen Kinderfilm zu drehen?
Jonze Ich habe das Projekt eigentlich nie als Kinderfilm gesehen. Ich wollte eine Geschichte darüber erzählen, wie es sich anfühlt, ein Kind zu sein, was nun ein Angebot für Zuschauer jeden Alters ist, solange sie sich noch an ihre eigene Kindheit erinnern wollen oder können. Ich selbst bin kein Vater, und daher kam mir auch nie die elterliche, schutzbedürftige Perspektive in den Weg, aus der Filme über Kinder in der Regel erzählt werden. Mein Ziel war es, die Empfindungen lebendig zu machen, die man als Neunjähriger in sich trägt. Da erinnere ich mich selbst nicht nur an glucksende Glückseligkeit. Sondern an Urängste, Gefühle von Kontrollverlust, stetige Verwirrung. Daran habe ich mich bei der Arbeit immer wieder erinnert. Niedliche Kinokinder gibt’s schließlich zur Genüge.

tip Ihre Ex-Freundin, die Yeah-Yeah-Yeahs-Sängerin Karen O., hat die Musikspur beigesteuert. Wie haben Sie den ausgesprochen hörenswerten Soundtrack konzipiert?
Jonze Ich wollte Musik, die fast wie eine Filmfigur funktioniert und als sei sie ein Freund von Max. Auch das ist in Kindheitserinnerungen verwurzelt. Ich weiß noch, wie sehr mich Popsongs bewegt haben, als ich klein war. Ohne eine Ahnung zu haben, wovon da gesungen wurde, haben die mich direkt ins Herz getroffen. Wer von uns hat als Kind nicht lauthals irgendwo mitgesungen und die Power der Musik im ganzen Körper gefühlt. Ich habe mit Karen über diesen Ansatz gesprochen, weil ich schon immer das Gefühl hatte, dass sie zugleich tiefe und sorglose Songs schreibt. Sie komponierte dann auf Basis von Mustern, die ich ihr nach Los Angeles geschickt habe, und als die ersten Tracks zurück kamen, ging es mir genau so wie eben beschrieben: Ich fühlte mich jung und unbeschwert beim Hören, auch weil in Karens Stimme so eine absolute Unschuld steckt.

Interview: Roland Huschke

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