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Ein Interview mit Abbas Kiarostami

Abbas Kiarostami

tip Herr Kiarostami, die erste Ankündigung zu Ihrem jüngsten Spielfilm „Copie Conforme“ (Die Liebesfälscher) war doch eine ziemliche Überraschung. Warum sollte sich ein Regisseur von Ihrem Format aus seiner gewohnten Umgebung im Iran wegbewegen und mit professionellen Schauspielern in Italien eine sehr fiktiv anmutende Story erzählen? Hatten Sie nicht selbst Ängste, als Sie an dem Projekt zu arbeiten begannen?
Abbas Kiarostami Ich hatte solche Ängste nicht, weil es ja ein langer Prozess war und nicht plötzlich über mich kam. Über zehn Jahre gab es die Idee, gemeinsam mit Juliette Binoche einen Film zu machen, und es war bald klar, dass das in meiner gewohnten Umgebung keinen Sinn machen würde und dass es also nicht im Iran, nicht auf Farsi, nicht mit meiner gewohnten Arbeitsweise realisierbar wäre. Das hat sich über zehn Jahre entwickelt. Ich hatte also auch Zeit, mich daran zu gewöhnen.

tip „Copie Conforme“ ist nicht die Kopie eines nicht realisierten iranischen Originals?
Abbas Kiarostami Nun, ich hoffe, dass es das nicht ist. Ich wollte im Gegenteil den Kontext, die Locations, die Geschichte ganz bewusst dort in Italien verankern. Ich hoffe, es ist keine Kopie eines iranischen Films geworden.

tip Juliette Binoche sagt, dass der Film auf einer Geschichte basiert, die Sie selbst erlebt haben. Ist das tatsächlich so?
Abbas Kiarostami Es ist wahr, aber ich denke, auch wenn ich es nicht erlebt hätte, ist jede Fiktion, jede konstruierte Geschichte aus der Imagination von Schöpfern gebaut, die ihre Fantasie auf eigenen Erfahrungen oder auf denen der Leute, die sie umgeben, gründen. Das gilt selbst noch für Science Fiction. Das Einzige, was wir auf andere Planeten oder andere Wesen projizieren, sind unsere eigenen Erfahrungen oder unser Wissen vom Leben. Also, ja, ich würde sagen: Der Film ist nichts anderes als die originale Kopie einer wahren Geschichte.

Abbas Kiarostami und Juliette Binochetip Ihr Film erzählt von einem Paar, das sich gerade erst getroffen zu haben scheint, und nach einer Wendung in der Geschichte zu spielen beginnt, es wäre schon seit zwanzig Jahren zusammen. Das Spiel wird so überzeugend, dass man sich als Zuschauer sogar fragt, ob einen die eigene Wahrnehmung am Filmbeginn nicht getäuscht hat – und die beiden tatsächlich von Anfang an ein Paar sind. Originale, die spielen, sie wären Kopien, sozusagen.
Abbas Kiarostami Also ich mag es generell nicht, mit dem Zuschauer Spielchen zu spielen. Und ich wollte wirklich kein Rätsel im Film verstecken. Das war nicht die Frage. Mein Ziel war, etwas zu zeigen, das auf der realen Erfahrung eines Paares gründet, das zu zwei verschiedenen Zeitpunkten seiner gemeinsamen Geschichte durch zwei verschiedene Stadien der Beziehung geht. Es basiert auf der Realität eines Paares oder einer Liebesgeschichte. Es hatte nichts zu tun mit einem Rätsel. Es ist einfach entweder ein Flashback oder ein Flashforward, entweder ein Blick zurück oder ein Blick nach vorne. Man kann es auf beide Weisen lesen.

tip Welchen Unterschied hat es gemacht, dass Sie hier mit sehr professionellen Akteuren zusammengearbeitet haben? Juliette Bi­noche ist ein Star im Arthousekino, William Shimmel ein klassischer Sänger. In früheren Filmen haben Sie vorzugsweise mit nonprofessionellen Akteuren gearbeitet. Welche Schwierigkeiten haben sich aus der neuen Lage ergeben?
Abbas Kiarostami Na, ich würde nicht sagen, dass es Schwierigkeiten erzeugt hat, im Gegenteil: Mit professionellen Schauspielern zu arbeiten, ist viel einfacher und auch viel angenehmer. Der Unterschied ist aber vielleicht, dass die Arbeit mit nonprofessionellen Akteuren viel schwieriger und tückisch ist – aber zugleich kommen damit unvorhergesehene Ereignisse, die Leben und Wahrhaftigkeit in den Film und die Geschichte bringen. Mit Profis läuft alles viel mehr nach Plan – es gibt also viel weniger dieser Überraschungen, aber dafür ist die Arbeit viel angenehmer.

Die Liebesfälschertip In Ihren letzten Filmen „Five“ oder „Shirin“ und selbst auch noch in „Copie Conforme“ scheint es, als wäre Ihr Kino immer konzeptueller geworden. „Five“ und „Shirin“ sind ursprünglich für die Kontexte von Galerien oder Museen entstanden, bei „Copie Conforme“ wählen Sie nun einen offen philosophischen Zugang zur Frage von Original und Kopie, Erfahrung und Leben. Ist das ein neuer Weg, dem Sie weiter folgen wollen – oder ist das von den Umständen und Ihren Arbeitsbedingungen im Iran erzwungen?
Abbas Kiarostami Ich denke, ein Kritiker hat eher die geeignete Distanz, um diese Angelegenheit zu beurteilen. Ob meine Filme von den Umständen abhängen oder es im Hintergrund systematischer ist? Ich wäre nicht imstande, das zu sagen. Was ich sagen kann, ist, dass ich nie ein bestimmtes Ziel habe, es gibt keine Strategie, um einen bestimmten Film zu machen, der mehr über das alltägliche Leben erzählen würde oder konzeptueller wäre. Das ist nie im Voraus bestimmt. Eine Geschichte kommt zu mir, ich beginne sie zu fühlen und dann verfolge ich sie – ohne vorab eine Idee zu haben, wie es am Ende sein wird. Sie zeigt sich, wenn die Arbeit erledigt ist, nach dem Dreh und nach dem Schnitt. Aber ich denke, es stimmt, dass das mit dem Voranschreiten des Lebens komplizierter wird: das Konzeptuelle, der philosophische Aspekt und die ganz zufälligen Ereignisse des Alltagslebens gehen Hand in Hand, und man beginnt eine philosophische Dimension in jedem Aspekt des Alltagslebens zu sehen, wenn man älter wird. Es ist keine Karrierestrategie von mir, es muss wohl etwas Natürliches im Prozess des Älterwerdens sein.

tip Wie sehen die Bedingungen für Ihre Arbeit gegenwärtig im Iran aus? Sie sind, aus gutem Grund, seit den 1990er-Jahren der prominenteste Regisseur des neuen iranischen Kinos. In dieser Zeit hat auch die iranische Politik Kurswechsel vollzogen, von reformistischeren Perioden zum gegenwärtig viel härteren Regime. Hat der Erfolg, den Sie im Westen haben, Ihnen im Iran geholfen oder Sie im Gegenteil am Weiterarbeiten gehindert?
Abbas Kiarostami Ich würde nicht sagen, dass es meine Aufgabe leichter gemacht hat, anderswo berühmt zu sein. Die Situation für mich und andere Filmemacher im Iran war immer schwierig und sie wird es immer mehr. Dass ich „Copie Conforme“ im Ausland gedreht habe, war das Ergebnis einer langen Verabredung mit Juliette Binoche, etwas zusammen zu machen, es hat sich so ergeben. Aber für mein nächstes Projekt (die japanische Produktion „The End“, Anm. d. Red.) habe ich von mir aus entschieden, in ein anderes Land zu gehen und dort in einer anderen Sprache zu drehen. Das hätte ich niemals gemacht, wenn ich die Möglichkeit hätte, in meinem eigenen Land zu arbeiten. Aber Iran ist gegenwärtig in einer so unruhigen Lage, dass ich mir nicht sicher vorstellen könnte, was ich in einem Jahr hier in meinem Land durchziehen könnte. Daher plane ich meine zwei oder drei nächsten Projekte im Ausland.

Interview: Robert Weixlbaumer

Lesen Sie das vollständige Interview im aktuellen tip 22/11 auf den Seiten 36-38.

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Die Liebesfälscher“ im Kino in Berlin

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