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Ein Interview mit Adиle Exarchopoulos und Lйa Seydoux

Blau ist eine warme Farbe

tip War Ihnen vor den Dreharbeiten klar, dass Sie sich mit „Blau ist eine warme Farbe“ auf ein Abenteuer mit offenem Ausgang einließen? Gab es überhaupt ein Drehbuch?
Lйa Seydoux Ich habe nie eins gesehen.
?Adиle Exarchopoulos Bei Abdels Filmen ist immer alles offen. Aber wir kannten die Geschichte und die Figuren natürlich ein wenig aus der Comicvorlage von Julie Maroh.
Lйa Seydoux
Aber das war sehr abstrakt, denn Abdellatif entfernte sich immer weiter von ihr.
Adиle Exarchopoulos Ich glaube, er wollte, dass wir sie vergessen, dass sie aber unbewusst weiter in uns arbeitet. Zudem war klar, dass es viele Elemente gibt, die in seinen Filmen stets wichtig sind: die Vermittlung von Bildung, der Wissenserwerb. Aber ihm war wichtig, dass es einen Freiraum für unsere gemeinsame Kreativität gibt. Wir sollten den Film aus einer Leidenschaft zu dritt entwickeln. Seine Art zu drehen ist ja überhaupt nicht konventionell. Er improvisiert, stellt die Kamera auf, die dir dann dahin folgt, wohin du beziehungsweise deine Figur sich bewegt. Er will, dass du Vergnügen dabei hast, in die Figur einzutauchen. Es gibt keine Maskenbildnerin, keine Friseurin, er will deine Seele sehen.

tip Was für Anhaltspunkte hatten Sie, um die Charaktere zu entwickeln? Schauspieler erfinden oft eine Backstory, eine Vergangenheit für sie.
Adиle Exarchopoulos Bei Adиle war klar, dass sie unerfahren ist, ihre ersten Schritte unternimmt, lernen will. Sie kommt aus einem engen Milieu und spürt, dass ihr darin Entscheidendes fehlt. Ich habe mir vorgestellt, dass sie instinktiv nach Freiheit sucht.

tip Gab es für Sie filmische Referenzen?
Adиle Exarchopoulos Nein, mit Abdel sprichst du über dein Leben, deine Erfahrungen, nicht über das Kino. Es gab aber ein Gedicht von Baudelaire, das ich oft im Hinterkopf hatte: „An eine Vorübergehende“.
Lйa Seydoux Ich habe oft an Marlon Brando und James Dean gedacht. Es gefiel mir, ein maskulines Mädchen zu spielen. Ich glaube, diese Seite steckt auch in mir und ich mochte es, damit zu experimentieren. Ich finde, Emma hat etwas von einem Cowboy.

Lйa Seydouxtip Frau Seydoux, Ihre bisherigen Figuren verstehen das Leben als eine Entdeckungsreise, suchen das Absolute. Sehen Sie Emma in dieser Reihe?
Lйa Seydoux Keine Ahnung. Das Mädchen in „Leb wohl, meine Königin“ sucht ihren Lebenssinn in der Ergebenheit. Emma sucht nichts Absolutes, sie will einfach existieren. Sie folgt ihrer Leidenschaft, sie sucht eine Form für ihre Gefühle. Das war in dieser Konkretion und Radikalität bisher nicht der Fall.

tip Das Gefühl von Intimität entsteht in diesem Film auch dadurch, dass die Kamera den Figuren ganz nahe und sehr agil folgt. War diese unablässige Aufmerksamkeit für Sie eine Irritation oder eine Bestärkung?
Lйa Seydoux Ich mag es, wenn mir die Kamera nahe ist. Da kann ich Dinge mit meinem Gesicht ausdrücken, was sonst im Kino selten der Fall ist, da gibt es zu viel Ambiente.
Adйle Exarchopoulos Manchmal fühlt man sich überfallen. Aber ich habe die Kamera bald vergessen; man gewöhnt sich an sie, wenn sie den ganzen Tag unaufhörlich läuft. Abdel will deiner eigenen Wahrheit nahe sein, er will dich beim Leben ertappen.

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