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Ein Interview mit Adriana Altaras und Regina Schilling

Adriana Altaras

In der ebenso persönlichen wie informativen Dokumentation „Titos Brille“ reist Adriana Altaras, Tochter jüdischer jugoslawischer Partisanen, Schauspielerin und Autorin des gleichnamigen Buches, zusammen mit der Dokumentarfilmerin Regina Schilling (Grimme-Preis für „Geschlossene ?Gesellschaft – Der Missbrauch an der Odenwaldschule“) vom Startpunkt Gießen aus über Italien bis nach Kroatien. An biografisch wichtigen Stationen wird haltgemacht, gemeinsam bewegen sich Altaras und Schilling immer weiter hinein in das massive Familienerbe, das gleichzeitig auch ein Porträt des 20. Jahrhunderts ist.

tip Frau Altaras, Frau Schilling – wie sind Sie für den Film „Titos Brille“ überhaupt zusammengekommen?
Adriana Altaras?Regina und ich sind schon seit über zwanzig Jahren befreundet. Und sie war auch diejenige, die mir Mut gemacht hat, das Buch („Titos Brille“, Anm. d. Red.) zu schreiben. Ich habe Regina immer wieder Seiten geschickt.

Regina Schillingtip Frau Schilling, hatten Sie zu diesem Zeitpunkt schon einen Film im Hinterkopf?
Regina Schilling?Nein, das ist ja das Verrückte daran. Vor fünfzehn Jahren, Adriana, du erinnerst dich, wollten wir ja schon einmal einen Film machen. Da lebten Adrianas Eltern auch noch. Aber das haben wir nicht unterbekommen, wir haben keine Redaktion gefunden. Und dann habe ich das eigentlich ad acta gelegt. Erst als Adrianas Manuskript zu „Titos Brille“ angenommen wurde, ist mir klar geworden: Ja, natürlich, das ist mein nächster Film.

tip Die Idee zum Buch entstand aber unabhängig von Regina Schilling?
Adriana Altaras Ja, das hat nichts mit Regina zu tun. Der Verleger hat damals gesagt, ich sollte mal schreiben. Das war vor fünfzehn Jahren und fünfzehn Jahre lang habe ich nichts gemacht. Dann starben meine Eltern und es ging plötzlich ganz schnell.
Regina Schilling?Ja ja, ich habe zwischendurch schon immer gesagt, du sollst das mal aufschreiben.
Adriana Altaras?Alle haben das immerzu gesagt, aber ich wollte nicht. Vielleicht, weil es noch zu nah war, zu persönlich. Bestimmte Dinge gehen wahrscheinlich erst in einem bestimmten Moment.

tip Sie meinen, wenn die Eltern tot sind, zum Beispiel?
Adriana Altaras?Ja, das hilft auf jeden Fall. Das muss man auch mal so sagen.

tip Was war das Thema der ersten Filmidee?
Regina Schilling?Da ging es um den Film „Nikoletina Bursac/Es geschah in Bosniens Bergen“ (YUG 1964) von Branko Bauer, Adrianas erster Filmrolle. Adriana hat diesen Film aber nie gesehen, die ganze Familie nicht, weil sie kurz danach Jugoslawien verlassen haben. Das fand ich als Filmemacherin natürlich irre. „Nikoletina Bursac“ ist ein Knotenpunkt für mich. Zum einen, weil Adriana dort ein kleines Mädchen spielt, das den Holocaust überlebt hat. Andererseits handelt es sich natürlich um einen Propagandafilm, der Titos Mythos vom Partisanentum erzählt. Und dann hat genau dieses kommunistische Tito-Jugoslawien dazu geführt, dass die Familie das Land verlassen musste, aufgrund eines Schauprozesses gegen Adrianas Vater. Dabei waren beide Eltern auch ehemalige Partisanen. Diese Ambivalenz …
Adriana Altaras?Außerdem habe ich nach „Nikoletina Bursac“ beschlossen, dass ich Schauspielerin werde. Und es durchgezogen!

Titos Brilletip Der Film „Titos Brille“ beginnt dann auch mit einer kleinen Spielszene – nämlich wenn Sie, Adriana Altaras, eine Partisanenuniform anziehen.
Adriana Altaras?Ja, ich freue mich auch, dass diese Szene drin ist. Weil ich nun doch Schauspielerin bin und als Regina mich gefragt hat, was das Schlimmste auf der Reise gewesen ist, habe ich gesagt: „Dass ich kein Kostüm und keine Maske hatte!“ Das ist nämlich wirklich komisch, wenn man als Schauspielerin bei einem Film mitmacht, immer die Kamera an seiner Seite hat, immer Ton, aber: Du darfst nicht spielen! Und dann konnte ich endlich mal ein Kostüm anziehen. Ich habe mich so wohlgefühlt! Die Uniform anziehen und einmal Partisanin in Titos Höhle sein – das war für mich ein super Tag.

tip Wie haben Sie zusammengearbeitet?
Adriana Altaras?Also, ich hatte bis zuletzt gehofft, dass Regina gar kein Geld für den Film bekommt. Nach dem Schreiben des Buches wollte ich mich damit nämlich eigentlich nicht mehr befassen. Als es dann aber doch losging, auf drei Wochen war die Reise angelegt, wollte ich kein Treatment von Regina lesen, nichts.

tip Und wie hat das funktioniert?
Adriana Altaras?Regina hat zum Beispiel gesagt: „Wir sind jetzt eine Woche in Gießen.“ Da wäre ich am liebsten gleich wieder abgereist.
Regina Schilling?Für Adriana war das ein bisschen wie eine Schnitzeljagd. Aber du hast mir schon große Freiheit gelassen, Adriana. Im Nachhinein hätte das aber auch alles völlig nach hinten losgehen können. Obwohl ich geahnt habe, dass es zumindest nicht langweilig werden kann, wenn ich mit Adriana losfahre.

Interview: Caroline Weidner

Foto oben: Tassilo Letzel

Foto mittig: Uli Grohs

Foto unten: X-Verleih

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Titos Brille“ im Kino in Berlin

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