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Ein Interview mit Aki Kaurismäki

Aki Kaurismäki

tip Na, gerade wirken Sie sehr frisch auf mich.
Aki Kaurismäki Ich habe vorhin eine Dusche genommen.

tip „Le Havre“ scheint das französische Kino der Dreißigerjahre zu zitieren, Marcel Carnй, Jean Vigo, Duvivier. Fühlen Sie da eine besondere Nähe?
Aki Kaurismäki Ich habe den italienischen Neorealismus immer geliebt. In diesem Film wollte ich ihn irgendwie nach Frankreich bringen, und zugleich das französische Kino der Vierziger-, Fünfziger- und Sechzigerjahre. Das heißt: Renй Clair, aber auch: Jacques Becker. Das habe ich versucht.

tip Können Sie genauer sagen, was Sie an diesen Filmen mögen?
Aki Kaurismäki In „Boudu“ (1932) oder überhaupt am frühen Jean Renoir mochte ich immer diesen French Touch. Ich wollte also den italienischen Neorealismus nach Frankreich bringen, mit einem French Touch. Was auch das immer heißen mag. Aber es hat gar keinen Touch.

tip Doch „Le Havre“ hat einen Touch. Er erinnert ans „Chanson rйaliste“ aus den dreißiger Jahren. Sie benutzen realistische Ideen, wie die des Flüchtlingskindes, und es gelingt Ihnen, auf einer visuellen Ebene, eine ähnliche Musikalität zu kreieren.
Aki Kaurismäki Vielleicht. Ich hoffe es. Ich sage zum dritten Mal, dass ich meine Arbeit nicht analysiere.

tip Ich ignoriere das einfach weiter.
Aki Kaurismäki Wir müssen nach vorne schauen, weil wir nicht zurück können.

Le Havretip In „Le Havre“ gibt es jede Menge von Deus ex machina-Situationen, in der eine Wendung der Geschichte etwas in einem Schnitt abkürzt, was in anderen Filmen eine halbe Stunde dauern würde.
Aki Kaurismäki Ich liebe Cold Cuts. Nicht kalte Katzen. Es gibt ein Sprichwort, das die Cutter in der guten alten Zeit hatten, als sie selbst noch gut waren. „Kill your darlings.“ In einer guten Szene muss man in der Mitte schneiden. Warum? Weiß ich nicht.

tip Es scheint, und das geht nun schon sehr lange Zeit so, dass Sie ständig neue filmhistorische Themen und neue Regisseure für sich entdecken, viele aus der Vergangenheit. Schauen Sie sich das inzwischen alles auf DVD an, wenn Sie in Portugal sind, wo Sie das halbe Jahr leben?
Aki Kaurismäki Ich schau mir Filme nie auf DVD an. Ich sehe sie immer im Kino. Deswegen habe ich den letzten Film 1986 gesehen.

tip Ist nicht wahr.
Aki Kaurismäki Ist wahr. Weil ich davor alle gesehen habe. Ich habe die verdammt noch mal alle gesehen. Sechs Filme am Tag, als ich zwanzig war. Ich bin von Helsinki nach Berlin gefahren, um Chaplins „The Women of Paris“ zu sehen, ich habe Geld gespart, um so etwas machen zu können. Ich sah den Film – und bin zu Fuß zurück gegangen. Ich war ein Movie-Buff.

tip Und seit 1986 nichts mehr? Kann ich nicht glauben.
Aki Kaurismäki Meine Theorie umfasst nur Hollywood-Filme. Da gab es seit den Siebzigern keinen guten mehr. Ich sehe keine Filme, aber ich folge dem Spiel, das Kino heißt.

tip Ich bin nicht sicher, ob ich Sie gerade verstehe.
Aki Kaurismäki Sollen Sie auch nicht. Wenn man lügt, will man ja nicht verstanden werden.

tip Als ich „La vie de bohиme“ gestern wieder gesehen habe …
Aki Kaurismäki Wie war er?

tip Wirklich großartig. Ich hatte vergessen, wie gut er ist. Unendlich charmant und die Akteure sind hinreißend. Ich war so begeistert, dass ich mir gleich die Buchvorlage von Henri Murger besorgt habe.
Aki Kaurismäki Das Buch ist sehr gut, es ist das lustigste Buch, das ich je gelesen habe. Für mich das beste Buch. Ich habe es mit 14 gelesen, mit 16, mit 18.

Aki Kaurismäkitip Haben Sie es zufällig entdeckt?
Aki Kaurismäki Es war aus irgendeiner alten Bibliothek. Tatsächlich ist das der Grund, warum ich sogenannter Filmemacher geworden bin. Ich war 18 und ich habe zu einem Freund, der ein Jahr älter war, gesagt: „Ich habe jetzt beschlossen, dass ich Filmemacher werde.“ Und alle rundherum haben begonnen zu lachen: „Du kannst kein Filmemacher werden, weil du Briefträger bist.“ Ich sagte: „Ich kann zuerst Briefträger sein und dann Filmemacher.“ Einer kam zurück, und drückte mir das Buch in die Hand und sagte: „Fang damit an“. Das habe ich gemacht, aber ich habe 20 Jahre dafür gelernt. Ich habe „Crime and Punishment“ gemacht, und was nicht alles, aber das – das war kompliziert.

tip „La vie de bohиme“ wurde eine sehr freie Adaption.
Aki Kaurismäki Ja, weil es darin kein Drama gibt. Man muss das Drama selbst bauen, weil das Buch so frei mäandert.

tip Haben Sie sich ins Buch verliebt, weil Sie sich mit dem bohйmehaften Lebensstil so sehr identifizierten?
Aki Kaurismäki Ich war ein Bohemien, aber ich fand es einfach lustig. Ich mochte den Humor.

tip In „La vie de bohиme“ steckt, wenigstens transportiert das Ihr Film, eine sehr positive Idee des Menschseins. „Le Havre“ kam mir auch in dieser Hinsicht wie ein Sequel zum ersten Film und zum Buch vor.
Aki Kaurismäki Ich hoffe das. Ich halte die Idee des Idealismus immer noch hoch, ich glaube, das ist eine gute Idee. Man schleppt ja ohnehin jede Menge an geistigem Ballst mit sich herum – warum nicht Idealismus. Oder die Idee von Freundschaft. Andere Dinge sind schlimmer.

Interview: Robert Weixlbaumer

Fotos von Aki Kaurismäki: David von Becker

Szenenfotos „Le Havre“: Marja-Leena Hukkanen / Sputnik Oy / Pandora Film

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Le Havre“ im Kino in Berlin

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