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Ein Interview mit Alexander Sokurow

Alexander Sokurow

Für sein delirierendes Werk bekam Sokurow in Venedig den Goldenen Löwen. Ein Gespräch über unsere Allmachtsfantasien und Putins Kunstmillionen.

tip Herr Sokurow, eine interessante Paradoxie Ihres „Faust“-Films liegt darin, dass er auf der Basis einer sehr monarchischen Entscheidung von Wladimir Putin mit zehn Millionen Euro finanziert wurde. Sie bekamen ein paar Tage nach einer Audienz bei ihm das Geld von einer Stiftung in St. Petersburg.
Alexander Sokurow Ich finde es gut, wenn so etwas passiert. Wenn die deutsche Kanzlerin auf einen Regisseur aufmerksam würde und beschließt, ihn zu unterstützen, fände ich das auch gut. Es gibt viele deutsche Regisseure, die eine solche Unterstützung verdienen würden. Ich bin ja mit „Faust“ auch durch all diese Gremien gegangen, aber es wurde nichts daraus, solange sich Putin nicht darauf eingelassen hat. In diesem konkreten Fall war das ein glücklicher Zufall, weil er etwas für die deutsche Sprache, die deutsche Kultur übrig hat. Wäre das Charles Dickens gewesen, wäre es wahrscheinlich anders gelaufen. Aber besser, sie geben das Geld für Kultur, Kunst, Kino aus als für Rüstung.

tip Hatten Sie keine Angst, dass Sie dieser Gnadenakt Putins als Künstler korrumpieren könnte?
Alexander Sokurow Ich ziehe mich politisch sehr zurück. Ich bin in keiner Partei, auch nicht in der von Putin. Es wurde mir schon ein paar Mal angeboten einzutreten, aber ich habe immer Nein gesagt, und Putin weiß das auch. Vielleicht imponiert ihm das. Putin ist viel komplizierter, als man annimmt und als sein Image ist. Diese Komplexität wird in der nächsten Zeit noch zutage treten.

tip Putin ist vielleicht der ideale Adressat Ihrer Filmserie über Tyrannenfiguren der Geschichte. Auch er hat eine faustische Allmachtsfantasie, aber er hat sie in die Wirklichkeit übersetzt. Waren diese Filme immer schon an diese Gruppe gerichtet, die in Russland so viel Macht auf sich vereinigt?
Alexander Sokurow Wissen Sie, ich habe nie darüber nachgedacht, wer das Zielpublikum dieser Filme ist. Ich mache einfach meine Forschungen. Ich erforsche die Natur des Menschen. Wenn ich Antworten auf all die Fragen hätte, die ich in meinen Filmen aufwerfe, wäre es einfacher, von einem Zielpublikum zu sprechen. Aber ich habe die Antworten ja nicht.

Alexander Sokurowtip Die ersten drei Filme Ihrer Tetralogie haben Sie historischen Figuren gewidmet: Hitler, Lenin und dem japanischen Kriegskaiser Hirohito. In welchem Verhältnis stehen diese Filme zum „Faust“-Stoff?
Alexander Sokurow Das ist zugleich eine einfache und eine komplizierte Frage. Auch Goethe teilt sein Drama. Die eine Hälfte ist die alte Tragödie der Antike, in der die Götter den Menschen Aufgaben stellen. In der anderen Hälfte geben sich die Menschen selbst sehr schwere Aufgaben. In den ersten drei Filmen meinten die Hauptfiguren, also Hitler, Lenin, Hirohito, von oben irgendwelche Befehle erhalten zu haben, nicht von sich selbst. Faust ist anders, er stellt sich selbst die Aufgaben und die sind viel komplizierter, viel schwieriger. Andererseits geht es in der Tetralogie um das Leben eines Mannes. Alle Figuren sind Männer, die Macht liegt in der Natur des Mannes. Die  Männer haben sich diese Struktur ausgedacht, die die Welt so sortiert, wie sie ist. Deshalb ist es auch wichtig, dass im Zentrum des Films ein Mann steht. Eigentlich geht es darum, dass diese Figuren, die großen wie die kleinen, jemanden verraten. Die ersten drei verraten das Volk, was nicht so schlimm ist wie das, was Faust macht: Er verrät dieses Mädchen, Gretchen, die ja noch nicht einmal eine Frau ist, für irgendwelche Ideale.

tip Ihre Filme korrigieren die Biografien dieser Figuren. Sie holen sie auf ein groteskes, alltägliches Niveau.
Alexander Sokurow Mich hat gerade das Menschliche interessiert. Keiner hat sich bis jetzt Gedanken gemacht, was für ein Mensch Faust eigentlich war, welche Socken er getragen hat, was weiß ich. Unter Menschen gibt es keine Götter, aber er war immer eine so ätherische Gestalt. Eigentlich ging es immer um den Kopf von Faust und gar nicht um seinen Körper. Aber je höher jemand steigt, desto sichtbarer werden die Qualitäten, die ihn als Mann auszeichnen.

tip Könnte man die Geschichte auch über eine Frau erzählen?
Alexander Sokurow Die wird aber ganz anders sein. Sie wird ganz anders anfangen, ganz anders zu Ende gehen. Und in ihr werden nicht so viele Fehler sein. Es liegt einfach in der Natur, dass die Frauen die Mehrzahl der Fehler der Männer einfach nicht begehen würden. Sie würden den Fehllauf einfach stoppen. Die Männer sind halt anders: Wenn sie auf vernünftigen Widerstand stoßen, wollen sie es erst recht durchboxen.

Interview: Robert Weixlbaumer

Fotos: Harry Schnitger / tip

Lesen Sie das vollständige Interview in tip 03/12 auf den Seiten 36-37.

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Faust“ im Kino in Berlin

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