Kino & Stream

Ein Interview mit Ali Samadi Ahadi

Ali Samadi Ahadi

tip Herr Ahadi, Sie leben seit Ihrer Kindheit in Deutschland. Hat das Land Ihren Humor geprägt?
Ali Samadi Ahadi Hm, wäre ich ein Engländer, wäre ich jetzt sicher beleidigt! Ich kann es nicht sagen. Ich bin ein Mensch, der gerne lacht und der versucht, auch in widrigen Umständen seinen Humor zu behalten.

tip Wie nah ist Ihnen der Humor Ihres Geburtslandes Iran?
Ali Samadi Ahadi Prinzipiell ist es so: Wenn man im Nahen Osten aufwächst, dann wird Humor zum zentralen Mittel, um Schmerzen zu lindern. Im Iran begann das mit dem Einmarsch der Mongolen und zog sich über sämtliche Dynastien, Islamisierungen und viele Kriege. Humor ist in dieser Region wichtig geworden, um mit Leiderfahrung umzugehen. Er ist immer da und ganz alltäglich. Selbst wenn man in Trauer ist.

tip Nach Ihrem Film „The Green Wave“ über die Niederschlagung der Protestbewegung im Iran greifen Sie jetzt den israelisch-palästinensischen Konflikt auf. Wieder ein persönliches Thema?
Ali Samadi Ahadi Sicher. Mit diesem Konflikt ist man jeden Tag konfrontiert. Aktuell sind die Waffen von Israel und Iran aufeinander gerichtet, aus dem Israel-Palästina-Konflikt hat sich die Feindschaft zwischen Israel und dem Iran entwickelt. Ich lebe seit 41 Jahren, in denen keine Woche verstrichen ist, ohne dass der Konflikt sich nicht seinen Platz in meinem Leben verschafft hätte. Sei es durch Nachrichten oder durch Menschen aus der Region, die ich treffe. Von daher ist es ein persönliches, aber auch unser aller Thema.

45 Minuten bis Ramallahtip Warum eine Komödie darüber?
Ali Samadi Ahadi Ich denke, dass man gerade diese schweren Themen, die einem das Herz erdrücken, gut als Komödie erzählen kann. Mit Humor kommt Leichtigkeit hinein, die es schafft, das Herz zu öffnen. Man kann dann eine ganz andere Diskussionsgrundlage finden als mit einem ernsten Film. Woody Allen hat mal gesagt: Humor ist gleich Tragödie plus Zeit. Daran glaube ich. Ich denke etwa, dass ich auch über die Ereignisse, um die es in „The Green Wave“ geht, eine Komödie machen könnte – vielleicht nicht jetzt, aber mit etwas Zeit. Man muss Abstand gewinnen und aus dem Kontext herausgehen.

tip Sie treffen in Ihrem Film sehr gut die Mitte zwischen der Absurdität und dem Verzweifelten der Situation Ihrer Protagonisten.
Ali Samadi Ahadi Das habe ich versucht. All das, was den Leuten in dem Film passiert, ist an sich todtraurig. Beispielsweise die Szene am Checkpoint an der israelischen Grenze. Ich habe erlebt, dass Menschen, die einen wichtigen Krankenhaustermin hatten, nach Hause geschickt wurden, und andere, die nichts Wichtiges zu tun hatten, durchgelassen wurden. Es ist Willkür. Trotzdem finde ich, muss man darüber auch lachen können. Weil man mit dem Lachen auf andere Weise ein Gespräch anfangen kann.

tip Sie haben den Film größtenteils in ?Jordanien gedreht. Lief das ganz unproblematisch?.
Ali Samadi Ahadi Oh nein. Die ursprüngliche Intention war es, alles in Israel und in Palästina zu drehen. Man fährt also hin und wird festgenommen; man wird acht Stunden lang verhört, kommt wieder frei. Dann will man sich mit israelischen und palästinensischen Kollegen treffen – nach Palästina dürfen aber die Israelis nicht rein, und nach Israel die Palästinenser nicht. Man verliert also einen Tag nach dem anderen, fühlt sich wie bei „Warten auf Godot“, und das Treffen kommt nicht zustande. Da fragten wir uns: Eigentlich wollten wir einen Film machen. Jetzt sitzen wir in Tel Aviv und schlürfen einen Kaffee nach dem anderen und keiner kommt. Also fiel der Entschluss, woanders zu drehen. Das war in Jordanien möglich.

tip Ihr Protagonist Rafik löst bei seiner Heimreise nach Hamburg kein Rückflugticket. Ein ernüchternder Ton zum Schluss?
Ali Samadi Ahadi Wenn man keinen „Friede, Freude, Eierkuchen“-Film machen will, muss man sagen: Viele Menschen suchen eine Auszeit von dem Wahnsinn. Menschen, die der Ideologie abgeschworen haben, wollen einfach nur sein. Deswegen sagt Rafik: Mir ist es egal, ob ich Jude, Palästinenser, Araber, Israeli bin – ich bin nur Rafik. Und das wollen viele Menschen dort, nicht umsonst gehen viele junge Israelis aus dem Land. Gerade Berlin übt eine riesige Anziehungskraft auf sie aus. Ich kann das verstehen. Sicher lieben sie ihr Heimatland, aber sie brauchen mal Pause von den Ideologien, damit sie sie selbst sein können. Manchmal kann man das in der Fremde besser als zu Hause.

Interview: Ulrike Rechel

Fotos: Alexander Kappler / Zorro Film

Lesen Sie hier die Filmkritik: „45 Minuten bis Ramallah“ im Kino in Berlin

Mehr über Cookies erfahren