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Ein Interview mit Alice Rohrwacher

Land der Wunder

tip Frau Rohrwacher, im Mittelpunkt Ihres Films steht eine vielköpfige, mehrsprachige Familie, die in Italien vom Honigernten zu leben versucht. Inwieweit konnten Sie aus Ihrer eigenen Familiengeschichte schöpfen?
Alice Rohrwacher?Das werde ich immer wieder gefragt: ob der Grund, weshalb ich diese Geschichte erzählen wollte, autobiografischer Natur ist. Nein, das ist nicht so. Meine Familie unterscheidet sich sehr von der im Film gezeigten, aber ich habe viele Familien kennengelernt, die so waren. Meine Eltern kommen aus unterschiedlichen Ländern, sie hatten viele solcher Freunde. Vielleicht wäre ich gerne in einer Familie wie der gezeigten groß geworden (lacht). Ich wollte von Zeit und Identität erzählen – und davon, wie schwer es ist, den Dingen Namen zu geben: Die Familie im Film kommt nicht vom Land, sie sind keine Hippies (denn sie arbeiten den ganzen Tag), und sie gehören auch nicht zu jenen Leuten, die ein Haus auf dem Land erwerben wollen.

tip Der Film handelt von Widersprüchen: So kommt die Fernsehshow (die vermutlich ihr reales Vorbild hat) mit modernster Technologie daher, bedient sich gleichzeitig bei klassischen Mythen und formuliert als Zielsetzung, nach der traditionellsten Familie zu suchen …
Alice Rohrwacher Elsa Morante hat in einem ihrer Bücher geschrieben, die Arabeske ist schön, wegen der Bewegung, nicht wegen ihrer Lösung. Unser Führer durch die Geschichte ist Gelsomina – und da sie ein Teenager ist, ist für sie alles schwarz oder weiß.

Land der Wundertip Mit Adrian kommt eimal ein Gefährte aus alten Zeiten vorbei und gemahnt an die Notwendigkeit des fortgesetzten Kampfes. Lebt diese Tradition in Italien noch fort? Auch die Idee des Lebens in einer autonomen Landkommune?
Alice Rohrwacher Der Film fällt ein bisschen aus der Zeit, ich wollte mich nicht auf ein bestimmtes Jahr festlegen. Aber wir können uns vorstellen, dass er in den Neunzigerjahren spielt. Wichtig war mir die Ambivalenz der Figuren: Manchmal tun sie gute Dinge, manchmal schlechte. Sie sitzen alle im selben Boot, sie wollen ihren landwirtschaftlichen Betrieb erhalten. Adrian (gespielt von Andrй Hennicke) ist für mich ein Teil dieser Geschichte und die einzige Person, die ich nicht sonderlich schätze, denn er ist jemand, der urteilt. Das hat seine Parallele mit vielen Menschen, die idealistisch sind, die aber nicht arbeiten – für mich ist es wichtig zu arbeiten.

tip Einige der Figuren sind deutschsprachig. Liegt das an der deutschen Koproduktion oder daran, dass Ihr Vater Deutscher ist?
Alice Rohrwacher Nein. Es gibt viele Projekte für schwierige Kinder in Italien, und die kommen alle aus Deutschland. Die Deutschen sind die Extremsten, das kenne ich nicht aus Italien. Wenn man seiner Familie erklären will, dass man an einen sehr extremen Ort geht, dann gibt es die Redewendung: „Ich gehe an einen Ort für Deutsche.“

tip Woher kommt der Darsteller des Vaters?
Alice Rohrwacher Aus Belgien! Er sollte jemand sein, dessen Herkunft unklar bleiben sollte; ich war froh, dass ihn niemand je den Deutschen nannte. Alle sprachen von ihm nur als dem Fremden. Adrian, Coco und die Fürsorgerin dagegen sollten unbedingt Deutsche sein.

tip Bleibt den Landkommunen und den Familien, die versuchen, so zu (über-)leben wie Ihre Protagonisten, wirklich nichts anderes übrig, als sich in den Dienst der Touristen zu stellen?
Alice Rohrwacher Ist der Tourismus das Ende der Welt? In meinem Land ist das in der Tat sehr problematisch, die Schönheit will niemand am Leben erhalten, lieber packt man sie in eine Plastikschachtel und versieht sie mit der Aufschrift „Schönheit“. Genauso verzichtet man beim Erzählen auf große Komplexität: Filme werden eindimensionaler und funktionieren, deshalb breitet sich das aus.

tip Sie haben den Film auf Super 16 gedreht, was heute im Zeitalter des Digitalen selten geworden ist.
Alice Rohrwacher Ich bin mit dem Digitalen aufgewachsen, Film entdeckte ich erst später als etwas Neues. Für mich ist er wie ein lebendiges Tier, um das man sich kümmern muss.

tip „Land der Wunder“ besitzt ein Zertifikat als Öko-Film …?
Alice Rohrwacher Das bedeutet, dass man beim Drehen eine Reihe von Regeln befolgt, was gar nicht so schwer ist. In Italien ist man damit noch nicht so weit, insofern hat es schon etwas Revolutionäres.

Interview: Frank Arnold

Fotos: Delphi Filmverleih

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Land der Wunder“ im Kino in Berlin

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