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Ein Interview mit Andrej Ujica

Andrea Ujica

tip Herr Ujica, Sie haben 1992 mit Harun Farocki den Film „Videogramme einer Revolution“ gemacht, in dem die rumänische Revolution von 1989 analysiert wurde. Nun legen Sie einen dreistündigen Montagefilm über den Diktator Nicolae Ceausescu vor. Ist das ein Ergebnis von Recherchen aus den letzten zwei Jahrzehnten?
Andrej Ujica Ich hatte einen starken Drang, die Geschichte zuerst einmal für mich zu rekonstruieren. Es gab dann aber auch eine weitere Motivation, eine eher theoretische: Film bringt eine neue Art Dokument mit sich, wir können vor unseren Augen den Fluss der Geschichte wiederherstellen.

tip Es ist aber ein spezieller Film der Geschichte, de facto besteht „Die Autobiografie des Nicolae Ceausescu“ aus Propagandafilmen.
Andrej Ujica Das vielschichtige Spiel beginnt mit dem vollständigen Titel: „Die Autobiografie des Nicolae Ceausescu – ein Film von Andrej Ujica“. Das Material besteht vollständig aus Protokollaufnahmen. Es ist aber wahrscheinlich, dass am Rande oder im Hintergrund auch authentische Bilder aufgezeichnet sind. Ich habe meine Rechercheure beauftragt, bevorzugt auch Kassettenreste zu suchen, Szenen von Anfang und Ende von Anlässen, bevor das Protokoll in vollem Gange war. Die sind im Film in einem weitgespannten Netz einmontiert, sie tun ihre Arbeit und legen ein anderes Bild von der Epoche frei.

Die Autobiographie des Nicolae Ceausescutip Ein Aspekt, der wieder in Erinnerung kommt, ist Ceausescus Popularität auch im Westen. Nicht immer war er der Mann, der sein Volk hungern ließ.
Andrej Ujica Seine Stunde hatte er, als er sich gegen die sowjetische Invasion in der CSSR 1968 aussprach. Er wurde damals über Nacht zum Weltstar der Politik. Nixon kam als erster US-Präsident in ein sozialistisches Land. Zehn Jahre später nennt ihn Carter einen großen Politiker. Er sah sich als von der Geschichte ausgewählt. Deswegen bekam er am Schluss auch eine tragische Dimension. Wahrscheinlich waren am Ende er und seine Frau die einzigen Menschen im Land, die kein doppeltes Spiel trieben.

tip Ceausescu starb 1989 nach einem Todesurteil durch ein improvisiertes Gericht. Was denken Sie heute darüber?
Andrej Ujica Das war wirklich das Schlechteste, was man hätte machen können. Der Beginn der rumänischen Demokratie steht damit unter einem schlechten Zeichen. Ceausescu hatte in den letzten Jahren ja vor allem seine Enttäuschung über sein Volk ausgelebt, das nicht imstande war, schnell genug zu arbeiten, um den Fortschritt in die kommunistische Epoche zu schaffen. Und so hat er das Volk gequält. Das hat ein ungeheures Potenzial an Hass gegen ihn angesammelt. Das war der Affekt im Prozess. Sie haben ihn am Weihnachtstag erschossen, in einem so abergläubischen Land kommt das in jedem Jahr an Weihnachten wieder hoch. Kein Psychoanalytiker hat eine so große Couch, dass eine ganze Nation darauf Platz finden würde. Ab und zu kann das Kino ein bisschen von dieser Aufgabe übernehmen.

Interview: Bert Rebhandl

Der Film läuft auf dem Festival „Around The World in 14 Films“. Lesen Sie hier nähere Informationen: „Around The World in 14 Films“

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