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Ein Interview mit Asghar Farhadi

Asghar Farhaditip Wenn man das ins gröbere, gesellschaftliche Bild zurück übersetzt, heißt das auch, dass der Konflikt schlecht auflösbar ist. Was ist die Zukunftsvision für den Iran?
Asghar Farhadi Zwei Punkte noch: Die Lage des Menschen ist an sich tragisch, eine Leidensgeschichte. Der Mensch muss sich immer entscheiden. Schon die Kraft zu besitzen, wählen zu können, ist tragisch. Zweitens ist es leicht, die Politik, das System als Zielscheibe hinzustellen und zu sagen, dass alle Probleme, die wir zurzeit im Lande haben, nur politisch bedingt wären. Ich will das nicht einfach abstreiten – aber die Probleme, die wir haben, liegen viel tiefer als das politische System.

tip Die Mittelklasse-Figuren in Ihren Filmen sind davon geprägt, dass sie ihre Konflikte nur bis zu einem bestimmten Punkt austragen können. Sehen Sie dieses Moment des Kompromisses auch in Ihren Filmen selbst? Ich denke an die Kopftücher, die Ihre Frauenfiguren auch in Innenräumen tragen – offensichtlich eine Konzession an die Zensur.
Asghar Farhadi Es gibt Prioritätssetzungen: Ich gehe einen Kompromiss ein, um etwas Wichtigeres, das lange Zeit unbeachtet geblieben ist, darzustellen. Wenn die Frauen im Kino in der Privatsphäre Kopftücher tragen müssen, dann mache ich das, um das Problem, das speziell die Frauen dieser Schicht belastet, zum Ausdruck zu bringen. Würde ich diesen Kompromiss nicht eingehen wollen, müsste ich auf die Darstellung dieser Schicht ganz verzichten, was ich auf keinen Fall möchte. Es ist auch ein Dokument an sich: Wenn man in fünfzig Jahren die Filme ansehen wird und bemerkt, dass die Frauen im Privatraum Kopftücher tragen, dann tauchen auch Fragen auf. Das ist gar nicht so schlecht.

tip Wir haben eingangs über die Bedingungen des Filmemachens im Iran gesprochen: Sind Ihre Filme so komplex, dass die Zensur gar nicht weiß, wo sie hinsehen soll – es sei denn aufs Offensichtlichste wie das Kopftuch?
Asghar Farhadi Man könnte sagen, dass ich zweierlei Lösungen angewendet habe, um die Zensur zu umgehen. Ich lege keine Synopsis vor, sondern immer das ganze Drehbuch und später den ganzen Film. Wenn die zuständigen Personen sich das anschauen, sind sie auch emotional mitgenommen. Das ist auch ein Ziel von mir: Der Zensor muss emotional mit dem Film konfrontiert werden. Zensoren sind auch Menschen, die werden davon auch beeindruckt. Das Zweite ist, dass ich in meinen Filmen keine politischen Manifeste abgebe. Ich stelle nur Fragen. Ich biete auch nicht konkrete Lösungen an. Nur Fragezeichen. Aber das ist generell ein Charakteristikum meiner Filmarbeit – das mache ich nicht, um die Zensur zu umgehen. Es ist mein Glück, dass es diese Wirkung hat.

Nader und Simintip Hilft Ihnen der Goldene Bär und das internationale Lob? Oder führt das im Gegenteil zu neuen Einschränkungen?
Asghar Farhadi Es ist es natürlich gut, weil die Menschen angeregt werden, den Film zu schauen. Andererseits werden die Behörden sensibler. Die fragen sich vielleicht: Was ist denn da schiefgelaufen? Sie schauen dann genauer hin. Für manche Leute in diesem System bedeutet Westen ja „großer Feind“. Deshalb sehen sie genauer hin, was ich als Nächstes mache.

tip In Jafar Panahis jüngstem, heimlich produzierten Film „This Is Not A Film“ (Co-Regie: Mojtaba Mirtahmasb) gibt es eine kleine Stelle, in der er Bezug nimmt auf die anderen Regisseure im Iran und sagt, dass er unter den gegebenen Umständen von diesen nicht erwartet, dass sie öffentlich für ihn eintreten. Es ist eine Art Dispens für die anderen. Sie haben bei der Preisverleihung in Berlin ausdrücklich Bezug auf Panahi genommen. Was ist denn die Grenze, in der Sie sich bewegen müssen?
Asghar Farhadi Es gibt zahlreiche Filmemacher auch im Iran, die sich öffentlich gegen das Urteil ausgesprochen und dagegengestellt haben. Und es gibt viele Filmemacher, die in internen Gesprächen mit den Behörden für Panahi eintreten, um das Urteil aufheben zu lassen und einen Freiraum zu schaffen, in dem er wieder arbeiten kann. Im Westen besteht auf der Ebene der Politiker vielleicht so etwas wie eine ungeäußerte Absicht, einen politischen Panahi darzustellen. Denen wäre es gleichsam lieber, dass er das Urteil auf sich nimmt, dass er als politischer Gefangener dargestellt werden kann. Panahi kümmert das wahrscheinlich weniger als die Möglichkeit, wieder arbeiten zu können.

tip Wie viele Zuschauer haben Ihre Filme im Iran?
Asghar Farhadi Im Iran gibt es keine offiziellen Zuschauerstatistiken. Aber nach den Einnahmen ist „Nader und Simin“ der erfolgreichste Arthouse-Film seit Jahren.

Interview: Robert Weixlbaumer

Fotos von Asghar Farhadi: Harry Schnitger / tip

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Lesen Sie hier die Filmkritik: „Nader und Simin – eine Trennung“ im Kino in Berlin

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