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Ein Interview mit Asghar Farhadi

Asghar Farhadi

tip Herr Farhadi, das iranische Kino steht im Zentrum vieler Diskussionen, aktuell wegen der politischen Prozesse gegen die Filmemacher Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof. Unter welchen Bedingungen drehen Sie Ihre Filme im Iran?
Asghar Farhadi Die Bedingungen hängen davon ab, wie Sie Filme machen. Es gibt viele Filmemacher, die ihre Arbeit machen, ohne dabei je in Konflikt mit der Zensur zu kommen. Die Zensur betrifft meist die Leute, die intellektuellere, anspruchsvollere Filme machen, aber auch diese Filme sind nicht alle aufrichtig. Es gibt auch darin Manipulation oder Vorzensur. Und es gibt schließlich eine dritte Kategorie von Filmen, für die die Zensur ein echtes Problem darstellt. Für uns iranische Filmemacher stellt Zensur nichts Neues dar, wir sind quasi damit aufgewachsen. Nicht nur in der Politik und Gesellschaft, sondern in der Kultur überhaupt gab es Schranken, die wir beachten mussten.

tip Sie meinen, dass die Moralität die Gesellschaft unabhängig von der herrschenden Theokratie durchzieht?
Asghar Farhadi Ja, meist wird es so dargestellt, als würde Zensur nur vonseiten des Regimes ausgeübt werden. Aber jenseits davon sind solche Regeln auf allen möglichen Ebenen bemerkbar: in der Familie, in der Schule, in der Kultur – es gibt Auflagen, die man in Betracht ziehen muss. Es sind Sittlichkeiten, gesellschaftliche Bedingungen, die man respektieren muss.

tip Ihre bekanntesten Filme „Fireworks Wednes­day“, „About Elly“ und der jüngste, „Nader und Simin – Eine Trennung“, mit dem Sie im Februar den Goldenen Berlinale-Bären gewonnen haben, scheinen genau das zu verhandeln: das Übereinanderliegen  und sich gegenseitige Durchdringen verschiedener Schichten von Moralität – und wie davon das Verhalten beeinflusst wird.
Asghar Farhadi Sie haben das richtig erkannt: Es geht um die Kritik der Mittelschicht als Träger dieser Moralität und Sittlichkeit, deshalb spielen die Geschichten auch in diesem Bereich.

Nader und Simintip Die Filme – besonders „Nader und Simin“ – zeigen, wie aus dem Aufeinandertreffen dieser verschiedenen Moralitäten Konflikte entstehen. Ihre iranischen Mittelschicht-Figuren leben in einem System, das maßgeblich von einer anderen Gruppe bestimmt wird, die auch sozial anderswo steht und weniger privilegiert ist.
Asghar Farhadi Wenn man die Sache aus einer sozialkritischen Perspektive betrachtet, dann kommt es da zwischen zwei Schichten zu Konflikten, einem versteckten Kampf. Aber es ist eben nicht so, dass es innerhalb dieser Schichten oder Gruppen ein einheitliches System gibt, auch in ihnen gibt es ein Zerren, Auseinandersetzungen – sie stellen keine Einheit dar. Es ist ein schwieriger Kampf, den alle Schichten sowohl gegeneinander als auch in sich selbst zu bewältigen haben.

tip Warum legen Sie das Zentrum Ihrer Aufmerksamkeit auf die Mittelschicht?
Asghar Farhadi Einmal gehöre ich selbst dazu, zweitens ist es die größte Schicht, die eine entscheidende Rolle in der Gesellschaft spielt und auch im Vergleich zu anderen Schichten die Oberhand gewonnen hat. Die sind es letztendlich, die die Zukunft des Landes entscheiden, die müssen jetzt unter die Lupe genommen werden. Und auch kritisiert.

tip Die erste Szene von „Nader und Simin“ entwickelt eine Grundformel der Konflikte. Die Bedürfnisse Ihrer Figuren, die vor einem Familienrichter sitzen, lassen sich nicht in die Sprache des Gesetzes übersetzen, das nur drei bestimmte Gründe für eine Scheidung kennt – dies ist aber ein vierter Fall. Dieses Sprachspiel wiederholt sich im Film auf allen möglichen Ebenen. Ist das Ihr Bild vom Iran: dass es unmöglich ist, sich in der herrschenden Sprache zu artikulieren?
Asghar Farhadi Das ist eine interessante Beobachtung. Das stimmt auch. Es kommt daher, dass ich auch Theater studiert habe, und es ist ein Gedanke, der mich seit Langem begleitet. Für mein Masterstudium habe ich mich mit der Rolle der Sprache bei Harold Pinter auseinandergesetzt. Ich glaube, dass die Sprache für die heutigen modernen Menschen ihre Funktionalität nach und nach verloren hat. Die Intentionen können nicht mehr durch die einfache begriffliche Sprache dargestellt und übertragen werden. Im Film sehen Sie das auch in den Konflikten zwischen Nader und Simin: Die sprechen ja dauernd, aber die verstehen einander nicht. Oberflächlich betrachtet scheinen die Konflikte ganz einfach zu sein – wenn sie sich hinsetzen und miteinander sprechen würden. Aber es ist viel tiefer. Die reden miteinander, aber letztendlich führt das zu Nervositäten, Verkomplizierungen, Auseinandersetzungen. Sie reden aneinander vorbei, sie finden keine gemeinsame Sprache – das ist das Hauptproblem. Und die Gewalt fängt dort an, wo die Sprache endet. Wenn der Dialog nicht mehr zustande kommt.

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