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Ein Interview mit Atom Egoyan

Atom Egoyantip Als Regisseur ist Ihre Perspektive naturgemäß immer männlich. Wo endet beim Inszenieren das Filmemachen und wo beginnt Voyeurismus?
Egoyan Ich sollte das nicht sagen, aber auch für mich findet vor der Kamera eine Form von Verführung statt, die mich in ihren Bann schlägt. Erotische Sequenzen zu drehen fühlt sich pur und ehrlich an, aber es schwebt auch immer die Gefahr der Ausbeutung choreographierter Sexualität mit. Etwas an dieser Alchemie, das ich nicht genau beschreiben kann, ist ungebrochen kraftvoll. Zu Beginn meiner Karriere war ich noch sehr unsicher, aber inzwischen mag ich das Drehen dieser Szenen sehr. Mir ist dabei immer bewusst, dass ein künstlicher Moment auf Film gebannt wird, und mir ist wichtig, das dem Publikum auch bildsprachlich zu vermitteln. Wenn Sie „Der Schätzer“ sehen, „Exotica“ oder „Where the Truth Lies“ – die Kraft dieser Filme liegt darin, dass Distanz gewahrt bleibt, während wir uns zugleich in etwas verlieren, von dem wir nicht wissen, wohin es uns führt.

tip Wie gewinnen Sie dabei das Vertrauen Ihrer Schauspieler?
Egoyan Naja, wer mit mir arbeiten möchte, weiß eigentlich genau, worauf er sich einlässt. Außerdem gibt es lange Gespräche im Vorfeld. Das letzte, was man mit Schauspielern vom Kaliber Liam Neesons oder Julianne Moores machen kann, ist ihnen zu sagen: Werft euch aufs Bett und legt los (lacht)! Alles ist exakt choreographiert, wir überprüfen Motive gemeinsam am Monitor und ich lasse sie gut aussehen mit Licht und Filtern. Nach meiner Erfahrung sind Schauspieler wie elektrisiert, wenn sie auch mit ihren Körpern anstatt nur mit ihren Gesichtern arbeiten können. Sie entdecken dabei auch sich selbst neu. Und sind sich immer bewusst, dass gerade die Szenen körperlicher Intimität für seelische Entfremdung stehen. Die Figuren mögen sich vereinen, doch ihre Gedanken sind woanders, und dies zu spielen ist für mutige Schauspieler enorm reizvoll.

Atom Egoyantip Ist es schwer, solche Filme in einem Klima der Kino-Prüderie bei gleichzeitiger maßloser Sexualisierung des Alltags durch Werbung oder Internet überhaupt noch finanziert zu bekommen?
Egoyan Zumindest ist es unmöglich, Erotik noch als Teil der Marketingstrategie zu nutzen – da springen Ihnen ängstliche Filmverleiher und Kinobesitzer sofort ab. Für meine Arbeiten habe ich festgestellt, dass das Publikum während der ersten Filme zwar stetig gewachsen ist, aber irgendwann die Decke erreicht war und es seither rapide schrumpft. Ich glaube, das liegt weniger an den Inhalten, sondern an einer neuen Generation mit veränderten Sehgewohnheiten, was unabhängigen Regisseuren das Leben immer schwerer macht. Nehmen Sie ein simples Stilmittel wie lange, ruhige Einstellungen, die einst den Übergang vom Theater zum Kino reflektiert haben und die meisterhaft von Andrej Tarkowski oder Carl Theodor Dreyer genutzt wurden. Diese Tradition geht derzeit völlig verloren, sie wird geradezu irrelevant, weil es das Publikum nicht mehr gewohnt ist, schwierige Filme auch auszuhalten. Es braucht Konzentration, um konzentrierte Filme zu sehen, doch da alles per Clip auf YouTube zu sehen ist, bleiben zwar die Ideen, aber das Seherlebnis geht verloren. Die fundamentale Vorstellung eines lebendigen Kinos scheint mir noch bei Filmfestivals Bestand zu haben, doch als Regisseur kann man nicht davon leben, nur für diese Zuschauer zu arbeiten. Wie das in der Zukunft werden soll? Ich weiß es nicht.

Interview: Roland Huschke

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