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Ein Interview mit Atom Egoyan

Atom Egoyan

In seinem neuen Film „Chloe“ erzählt er nun von einer multiplen Affäre, die außer Kontrolle gerät. Wir haben uns mit dem 49-Jährigen über erotisches Arthouse-Kino und die Sexualisierung der Alltagsbilder unterhalten.

tip Mr. Egoyan, „Chloe“ ist Ihr erster Film, zu dem Sie nicht auch selbst das Drehbuch verfasst haben. Machte sich der Unterschied beim Dreh bemerkbar?
Atom Egoyan Um meine Karriere als unabhängiger Filmemacher am Leben zu erhalten, habe ich ganz früh schon einige Auftragsjobs angenommen, etwa Episoden von „The Twilight Zone“ oder sogar den Pilotfilm zu einer „Freitag, der 13.“-Serie. Es war mir daher nicht fremd, mit Material zu arbeiten, das sich von der offenen, nicht ganz greifbaren Struktur meiner Bücher unterscheidet. Die sind konstruiert, um im Kopf des Zuschauers immer wieder aufs Neue zusammengesetzt werden zu können. „Chloe“ hatte im Vergleich dazu einen strikten Aufbau, meine Verantwortung lag in der Einbettung des Stoffes in eine visuelle Sprache. Fühlte sich ziemlich befreiend und nicht so einsam an! Normalerweise verstehen selbst mein Mitarbeiterstab und die Schauspieler meine Filme erst, wenn ich das erste Mal einen Rohschnitt vorführe. Hier aber hatten wir alle ein klares Ziel vor Augen.

Atom Egoyantip Erleichterte es den Übergang, dass sich „Chloe“ als sexuell aufgeladene Dreiecksgeschichte doch nahtlos in Ihr Werk einreiht?
Egoyan Ich habe seit Jahren einen Agenten in Los Angeles und war schon mehrfach dicht davor, einen Studiofilm zu drehen. Aber für vieles wäre ich einfach nicht der richtige Regisseur. Aber „Chloe“ hat beim Lesen die intellektuelle und emotionale Reaktion hervorgerufen, die es einfach braucht, damit man ein Jahr seines Lebens in ein Projekt steckt. Ich kannte den französischen Film „Nathalie“ nicht, auf dem unsere Adaption basiert. Aber ich bin mit der Autorin Erin Cressida Wilson befreundet, die zuvor „Secretary“ und einige wunderbare erotische Kurzgeschichten geschrieben hatte. Also gab es von vornherein mehr Überschneidungspunkte zu meiner Arbeit als Berührungsängste. Und die Story einer Frau, die eine junge Verführerin anheuert, um die verlorene Erotik im Liebesleben mit ihrem Mann wieder zum Leben zu erwecken, bevor sie selbst von der Kontrollsucht über diese fremde Frau überwältigt wird – so was hatte ich im Kino noch nie gesehen.

tip Woher stammt Ihr filmisches Interesse für Erotik, die seit „Exotica“ viele Ihrer Arbeiten dominiert. Das internationale Kino ist ja nahezu asexuell geworden.
Egoyan Ich habe das Kino in den Siebzigern entdeckt, und so sind meine prägenden Jahre in eine Zeit gefallen, in der es eine Verbindung zwischen Kunstfilmen und Pornographie gab, bei der die Grenzen eine Zeitlang durchlässig wurden. Ich denke da an Filme von Tinto Brass ebenso wie an den damaligen Mainstream-Porno „Behind the Green Door“, an Pasolinis „Die 120 Tage von Sodom“ als extremstes Beispiel oder an die unvergessliche Sexszene – in einem Kinosaal! – aus Ingmar Bergmans „Das Schweigen“. Was war da auf einmal alles erlaubt, eine neue Welt tat sich auf! Das waren oft verstörende Erfahrungen, aber ich hatte von Beginn an das Gefühl, dass Sexualität als Spiegel- und Zerrbild zwischenmenschlicher Beziehungen ein Gebiet war, für dessen Erkundungen die Kunstform Kino erfunden war. Heute finden Sie alles im Internet, nichts ist mehr heilig oder mysteriös. Doch für mich als jungen Mann führte der Weg zu pornographischen Motiven ausschließlich über die Leinwand und mich hat das Gefühl des Widerspruchs fasziniert, einerseits voyeuristisch im Kino zu sitzen und andererseits durch Schauspieler an der Definition von Beziehungen teilzuhaben.

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