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Ein Interview mit „Australia“-Regisseur Baz Luhrmann

tip Mr. Luhrmann, seit Ihrem letzten Film „Moulin Rouge!“ sind geschlagene sieben Jahre vergangen. Sie sind danach spektakulär an einem Projekt über den Feldherren Alexander gescheitert, zuletzt haben Sie drei Jahre in Ihr Epos „Australia“ gesteckt. Wie haben Sie die lange Zeit zwischen den zwei Filmen erlebt?

Baz Luhrmann Das waren keine verlorenen Jahre. Meine Lebensreise und die Abenteuer, die mit meiner Arbeit verbunden sind, hängen untrennbar miteinander zusammen. Bei mir ist alles persönlich. Ich könnte keine Auftragsfilme machen. Meine Kreativität wird aus privaten Erfahrungen gespeist – auch wenn das jetzt enorm prätentiös klingt. Aber nachdem ich für „Alexander the Great“ mit Steven Spielberg und Dino DeLaurentiis als Produzenten bereits Studios in Nordafrika gebaut hatte und direkt vor dem Dreh stand, musste ich schon eine Zeitlang darüber trauern, dass wir in diesem verrückten Hollywood-Wettrennen gegen Oliver Stones „Alexander“-Film verloren haben.

tip Wie kamen Sie auf „Australia“, auf diese Mischung aus Western, Melodram und Historiendrama? Der Film trägt zwar unverkennbar Ihre persönliche Handschrift, aber er ist doch inhaltlich weit von Ihrer „Red Curtain“-Trilogie mit „Strictly Ballroom“, „Romeo + Juliet“ und „Moulin Rouge!“ angesiedelt.

Luhrmann Ich war von der Grundidee besessen, nach dem Musikkino das Genre des Epos auf meine Art zu erforschen. Und zwar nicht, weil ich mir gern das Leben schwer mache und gegen ängstliche Finanziers ankämpfe, sondern weil ich mir am Beginn jedes Filmprojekts ganz einfach eine sehr naive Frage stelle. Wie könnte ein moderner Shakespeare-Stoff aussehen? Zum Beispiel wie „Romeo + Juliet“. Oder warum sollten Musicals heutzutage nicht mehr funktionieren? Die Antwort war „Moulin Rouge!“ Und diesmal: Warum gibt es eigentlich keine Epen mehr wie?“Giganten“ und „Vom Winde ver­weht“, großartige Stoffe wie „Lawrence von Arabien“ und „Jenseits von Afrika“?

tip Brauchen Sie den Erwartungsdruck, den man mit solchen Vergleichen unweigerlich erzeugt?

Luhrmann Vielleicht unterbewusst. Aber ich habe diese Vorbilder jetzt genannt, um zu verdeutlichen, dass „Australia“ als Filmtitel eine Metapher ist. Es geht nicht um spektakuläre Naturaufnahmen, obwohl das Land natürlich die Bildsprache endlos inspiriert hat. Aber im Zentrum steht mein Begriff von Menschlichkeit. „Jenseits von Afrika“ hat schon eine Selbstfindungsreise aus der Perspektive einer Entwurzelten gezeigt. Und auch Nicole Kidman ist in „Australia“ eine Britin, die in der Fremde erkennt, dass Wissen und Weisheit durch die Geschichten weitergegeben werden, die ein Land und seine Bewohner erzählen, in unserem Fall die Aborigines. Manchmal können wir uns selbst am besten finden, wenn wir unsere Heimat verlassen und nicht ewig am selben Fleck bleiben. Das lernt Nicole im Film – und das habe ich gelernt, nachdem ich jahrelang in New York oder Paris gelebt habe. Ich habe erst in der Ferne begonnen, mir über meine Wurzeln Gedanken zu machen.

tip Wie hat die Produktion Ihre Beziehung zu Australien verändert?

Luhrmann Trotz tiefster, innerer Widerstände hat mich die Rück­kehr nach Hause gezwungen, etwas erwachsener zu werden (lacht). Am Anfang habe ich diese Verbindung noch gar nicht gespürt. Die Arbeit am Film hat mich da einfach überwältigt, weil man als Regisseur zugleich Künstler, Soldat und Politiker sein muss, wenn man all die Probleme einer so großen Produktion bewältigen will. Aber irgendwann habe ich beschlossen, nach dem Drehtag nicht mehr zwei Stunden in die nächste Stadt zu fahren, sondern mein Lager für eine Nacht mitten im australischen Nirgendwo aufzuschlagen. In dieser Nacht habe ich zum ersten Mal seit Jahren an einem Lagerfeuer gesessen. Ich habe in den Sternenhimmel geschaut und das Gefühl der Furcht vergessen, das einen beschleichen kann, wenn man von völliger Leere umgeben ist. Es ist unmöglich, nicht ganz bei sich selbst zu sein, wenn die karge Wüste um dich herum so groß ist wie Belgien. Von dieser Nacht an habe ich bis zum Drehende nie wieder im Hotel geschlafen.

tip Wie schwer hat es der Kontinent Australien Ihrer Produktion gemacht?

Luhrmann Kino in dieser Dimension ist Krieg. Wir hatten alles: von barbarischer Hitze bis zu flutartigen Regengüssen, erkrankte Crewmitglieder, beschlagnahmte Pferde. Aber wenn man die reale Welt benutzen will, um eine erzählerische Illusion zu erzeugen, dann kann man nicht erwarten, dass die Natur immer mitspielt. Die Leute glauben, Kino zu machen ist Spaß und Glamour, aber tatsächlich kann es einen körperlich und seelisch an die Grenze des Erträglichen führen. Die ganze Produktion war ein Kampf, das blanke Chaos, der pure Horror, dieser Film hat mich fast umgebracht. Erst in der Erinnerung wird eine wunderschöne Erfahrung daraus, weil man sich durch das Einstecken harter Lektionen und beim Erzählen von Anekdoten daran erinnert fühlt, dass man letztlich immer wieder auf sich zurückfallen und Lösungen finden kann.


Interview:
Roland Huschke

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