Kino & Stream

Ein Interview mit Ben Affleck

Ben Affleck in

tip Mr. Affleck, Ihre dritte Regiearbeit erzählt die irrwitzige, aber wahre Geschichte einer CIA-Aktion während der iranischen Revolution 1979, als eine Gruppe US-Botschaftsangestellter heimlich aus dem Land geschleust werden musste – getarnt als Filmcrew für einen Science-Fiction-Streifen namens „Argo“. Warum erfährt die breite Öffentlichkeit durch Ihren Film erst jetzt von dieser Geheimkooperation zwischen Washington und Hollywood?
Ben Affleck Die Informationen waren lange  geheim und wurden auch nach Freigabe in den Clinton-Jahren nur im Rahmen einer internen Ehrung der 50 wichtigsten Agenten in der Geschichte der CIA bekannt gemacht. Der Journalist Joshuah Bearman recherchierte den Stoff dann für einen „Wired“-Artikel, dessen Rechte später bei der Produktionsfirma von George Clooney und Grant Heslov landeten. Sie waren nett genug, mir zuzuhören, als ich meine Idee für eine Adaption vorschlug. Und ich dachte natürlich die ganze Zeit: Hoffentlich schnappt mir das keiner weg, so eine Story könnte sich ja kein Drehbuchautor der Welt ausdenken, ohne für übergeschnappt gehalten zu werden.

Ben Affleck in tip Ihre vorangegangenen Filme „Gone Baby Gone“ und „The Town“ bezogen ihre Kraft auch aus dem Fokus auf Ihre Geburtsstadt Boston. Woher nahmen Sie das Selbstbewusstsein und worin lagen die Risiken, einen Thriller vor so komplexer geopolitischer Kulisse zu inszenieren?
Ben Affleck Ich studierte am College die Geschichte des Nahen Osten und musste die Vergangenheit des Iran nicht mehr recherchieren. Eher sah ich die Gelegenheit, den Blick auf Aspekte einer Krise zu lenken, bei der sich viele nur an die Besetzung der US-Botschaft durch islamische Demonstranten erinnern. Der Kontext war enorm wichtig. Die Flucht des persischen Schahs ins US-Exil; die Wut des hungernden Volkes; die Hilfe der Kanadier bei der Rettungsaktion der Botschaftsleute, die bei ihrer Entdeckung mit der Anklage als Spione zu rechnen gehabt hätten.

tip Sie selbst spielen den CIA-Strategen Tony Mendez, der den Plan letztlich nur in die Tat umsetzen kann, weil niemandem etwas weniger Riskantes einfällt. Warum diese mehrfache Verantwortung als Kreativer?
Ben Affleck Ich bin verdammt preiswert, wenn ich mich heuere, und schlafe abends außerdem mit dem Regisseur (lacht). Noch dazu passte der Part einfach gut zu mir, und ich würde behaupten, meine eigene Schauspielerei mit genügend Abstand sehen zu können, um zahlreiche misslungene Takes herauszuschmeißen. Viel schwieriger war es, die Balance im Ton zu halten, wenn die Story zwischen Teheran und Los Angeles pendelt.

tip Konnten Sie Teheran in der Vorproduktionsphase besuchen?
Ben Affleck Ich hatte es vor, doch von offizieller Seite wurde abgeraten, weil ich unmöglich als Privatperson hätte einreisen können und keiner Propaganda des Regimes mit einem prominenten Gast Vorschub leisten wollte. Doch es gab viele Augenzeugen und Archivmaterial – und im Abspann dokumentieren wir durch Standbildvergleiche, wie nah an der Realität der Film bei allen dramaturgischen Verdichtungen ist. Im Vergleich kannte ich die oft ein bisschen surreale Hollywood-Welt schon sehr gut, da hat sich seit den Siebzigern wenig geändert (lacht). Bei „Argo“ habe ich es subtilen Kollegen wie John Goodman oder Alan Arkin zu verdanken, dass ihre Figuren immer noch überlebensgroß wirken, aber niemals den Ernst der Lage verkennen.

Ben Affleck in tip Wo waren dramaturgische Verdichtungen notwendig?
Ben Affleck Es dauerte zum Beispiel sehr viel länger als im Film, bevor die kurz vor Erstürmung der Botschaft geflüchteten Amerikaner beim kanadischen Botschafter untertauchen konnten. Sie versuchten es zuerst bei den Vertretungen anderer Nationen, die jedoch in der Schließung begriffen waren oder keine Kapazitäten hatten. Jedenfalls zog sich die Suche nach einem Versteck hin. Das kann man im Kino nicht eine halbe Stunde lang rekonstruieren – und es gibt in „Argo“ bereits viele Informationen seitens des Publikums zu absorbieren, irgendwann droht sonst ein Overkill an „talking heads“ (lacht).

tip Wie sehr haben Sie sich stilistisch an Regisseuren der Siebziger orientiert, von denen Ihre Generation oft als Vorbilder schwärmt?
Ben Affleck Aus meiner Sicht waren die Siebziger gewiss die goldene Ära des US-Kinos – nicht weil es vorher und nachher nicht auch große Filme gab. Ich reagiere bloß beim Zuschauen am stärksten auf diese Stoffe und habe sie auch als vorbildliche Modelle genutzt. Für „Argo“ orientierte ich mich an Alan J. Pakulas „Die Unbestechlichen“ für die Szenen in der CIA, um ungeschliffen einen bürokratischen Apparat zu zeigen, in dem geredet und geraucht wird, ohne jede Action. „Vermisst“ von Costa-Gavras war ein wichtiger Einfluss für das Gefühl der Fremde in Teheran aus amerikanischer Sicht, ebenso „Die Ermordung eines chinesischen Buchmachers“ von Cassavetes für das Seventies-Gefühl der Kalifornien-Sequenzen. Und wie schon bei „Gone Baby Gone“ studierte ich Sidney Pollacks „The Verdict“ noch einmal sehr genau, um zu verstehen, wie man die moralische Ambiguität und innere Zerbrochenheit von Protagonisten zeichnet. Im Endeffekt ist alles geklaut. Aber hey, wenigstens klaue ich bei den Besten!

Interview: Roland Huschke

Fotos: Claire Folger / 2012 Warner Bros. Entertainment Inc.

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Argo“ im Kino in Berlin

Mehr über Cookies erfahren