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Ein Interview mit Benh Zeitlin

Beasts Of The Southern Wild

tip Mr. Zeitlin, in „Beasts of the Southern Wild“ erzählen Sie von einem kleinen Mädchen, das im Süden von Louisiana das Ende seiner Welt kommen sieht. Sie zeigen eine marginalisierte Kultur, die der Film selbst mit allen Kunstmitteln mythologisiert. Wie viele der Elemente haben Sie aus der Realität entliehen?
Benh Zeitlin Der Ort, an dem alles spielt, die „Bathtub“, ist eine Konstruktion, aber es basiert alles auf realen Elementen, aus allen möglichen Ecken. Es gibt einen sehr konkreten Bezug auf die Isle de Jean Charles, die in den 60ern noch vollkommen abgeschnitten war, man sprach dort etwa nur Französisch. Dieser Ort hat sich in den vergangenen vierzig Jahren komplett desintegriert – auch wegen der speziellen ökologischen Katastrophe, die sich dort vollzieht. In meinem Film mischen sich aber Cajun-, Creolische und New-Orleans-Kultur, Elemente, die sich eigentlich in keinem anderen Ort so mixen. Alles, was ich an Südlouisiana mag, ist da in einen einzigen Ort zusammengezogen.

Beasts Of The Southern Wildtip Ihre sehr beeindruckende kleine Heldin entwickelt eine eigene Mythologie des Untergangs. Haben Sie das auch dieser Welt entnommen?
Benh Zeitlin Das ist etwas, das real passiert. Die Insel, auf der wir gedreht haben, ist vielleicht zehn Meilen breit, mit 200 Familien, von Marschland beschützt. Seit sie in der Region begonnen haben, nach Öl zu bohren und Pipelines durchs Marschland zu bauen, dort Salzwasser eindrang, die natürlichen Dämme sich auflösten und nun bei jedem Sturm ganze Kilometer von Marschland verschwinden, erleben die ihren eigenen Untergang. Die Bäume gehen zugrunde, der Boden trägt nicht mehr, die Fische sterben, und die Verschmutzung durch Öl macht alles noch schlimmer. Es ist der Kollaps einer Welt, den ich durch die Augen dieses Mädchens betrachte. Sie zieht keine Verbindungen zur Politik oder Ökonomie. Sie sieht das alles als grimmige, düstere Mythologie und sich selbst als eine Figur, die mit dem Untergang der Menschheit und der Zukunft verbunden ist und die einst eine Heldin der Wissenschaft sein wird.

tip Die Serien „Treme“ und „True Blood“ haben in den letzten Jahren soziologische und auch sehr verspielte Perspektiven auf New Orleans und Louisiana nach dem Sturm entwickelt, Spike Lee hat das Versagen der Politik ganz direkt in seiner Doku „When The Levees Broke“ adressiert. Was halten Sie von diesen Arbeiten?
Benh Zeitlin Ich habe manches davon gesehen, nicht alles. Diese Filme und Serien handeln eher von New Orleans. „Beasts of the Southern Wild“ handelt von einer Gegend, die eineinhalb Stunden mit dem Auto von der Stadt entfernt ist, Terrebonne Parish, am äußersten Ende des Landes. Die Kinder, die dort aufwachsen, können nicht sicher sein, dass das noch existieren wird, wenn sie groß sind.

tip Wie „Treme“ erzählt auch Ihr Film, wie nach dem Wirbelsturm Katrina eine ganze Kultur zu verschwinden droht, als Effekt auch der Politik, von Fehlentscheidungen oder bewussten Weichenstellungen. Der Reichtum der Welt, die Sie zeigen, ist greifbar. Die Bedrohung dieses besonderen, auch wahnwitzigen Reichtums ebenfalls.
Benh Zeitlin Ja, dort ist Kultur eine Art Rettung. Die Gemeinschaft ernährt sie. Davon handelt der Film. Die Gemeinschaft ist das Leben. Nach dem Hurrikan wurde diskutiert, ob man die Stadt am selben Ort wieder aufbauen sollte. Aber diese Leute wollen hier aushalten.

tip Ihre Figuren sind zugleich extrem gestört. Alkoholiker, Psychotiker, keine klassischen Helden.
Benh Zeitlin Das Mädchen ist meine Heldin. Meine Koautorin hat ihre Erfahrungen aus Georgia, ihre eigene wilde, brutale Kindheit einfließen lassen. Wir haben mit dieser Analogie gespielt: ein kleines Mädchen, das seinen Vater verliert. Und eine Gemeinschaft, die ihren Ort verliert. Ich wollte da nichts sauber waschen und nichts idealisieren. Südlouisiana ist hart, brutal, zugleich akzeptieren die Menschen andere Leute ohne Vorbehalt.

Beasts Of The Southern Wildtip Ist Ihnen als Filmemacher aus Queens, N.Y. nicht einiger Skeptizismus begegnet, als Sie da unten recherchierten?
Benh Zeitlin Wenn man Filme über seinesgleichen macht, ist es einfacher. Wir haben wirklich dort gelebt und uns das Vertrauen erworben. Es interessiert mich mehr, wenn die Leute ganz verschieden von mir sind. Aber die Gegend half auch: Die Offenheit ist Teil dieser Kultur. Wenn man da drei Bier getrunken hat, öffnet sich alles. Das ist generell das Großartige am Filmemachen für mich: Dass es Türen öffnet und man an Orte kommt, zu denen man sonst nie Zugang hätte. Wenn ich dort sagen würde: „Ich entwickle ein interpretierendes Tanzstück über ihre Gemeinde“, wäre es schwerer, als wenn ich sage: „Ich mache einen Film. Einen Abenteuerfilm über das Ende der Welt.“ Da waren alle begeistert. „Da bist du am richtigen Ort gelandet!“

tip Ist Ihre Hauptdarstellerin auch von dort?
Benh Zeitlin Ja, aus der nächsten Kleinstadt. Alle Leute sind aus dieser Gegend. Und keiner ist ein Schauspieler. Wir haben riesige Castings veranstaltet. Wir haben dabei alle in der Gegend kennengelernt. Wenn man so etwas dreht, braucht man auch Zugang zu den Menschen, die mehr darüber wissen, als man selbst.

tip Das war ein ziemlich wagnisreiches Projekt. Allein schon eine so junge Darstellerin bedeutet ein großes Risiko.
Benh Zeitlin Es passte zur Geschichte. Nichts war berechenbar: Wasser. Kinder. Tiere. Dreh vor Ort. Dauernd geht etwas schief, man jagt dauernd etwas nach, was außer Kontrolle ist. Und man hofft, dass das, was man an Präzision verliert, als Lebendigkeit, als Fleisch der Erzählung zurückkehrt. Ich werde das bei meinem nächsten Film wieder so machen. Wir werden nicht mit großen Stars oder Hollywood arbeiten. Mein Kino beruht darauf, dass man all die riskanten Entscheidungen beschützt – das ist das, was den Film ausmacht. Wird natürlich schwieriger, nach all dieser Aufmerksamkeit und den Festivals.

Interview: Robert Weixlbaumer

Fotos: Jess Pinkham / MFA+ FilmDistribtuion e.K. / Cinereach Ltd.

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Beasts Of The Southern Wild“ im Kino in Berlin

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