Kino & Stream

Ein Interview mit Bertrand Bonello

Haus der Sünde

tip Stichwort Champagner: Es ist ein Haus der Widersprüche, einerseits gibt es diese Utopie von ausgelebten Fantasien, zugleich ist es aber auch ein Gefängnis.
Bertran Bonello Es ging mir immer um diese Kontraste. Es ist wie Nacht und Tag, Luxus und Armut, Freude und große Traurigkeit, die schönen Räume im Untergeschoss, die ärmlichen darüber. Man kann Dinge tun, die draußen nicht möglich sind, zugleich sind die Frauen hier Gefangene. Zu dem jungen Mädchen, das neu hinzukommt und meint, es wolle Geld verdienen, um frei zu sein, sagt die Managerin, dass die Freiheit draußen ist. So sind die Paradoxien hier.

tip Denn wirtschaftlich ist es eine Falle – die Mädchen geben mehr aus, als sie verdienen.
Bertran Bonello Es ist wie bei den Schulden, mit denen wir gegenwärtig so beschäftigt sind.

tip Männer sind präsent, aber nicht zentral: Warum haben Sie die Rollen mit Regisseuren wie Jacques Nolot und Xavier Beauvois besetzt?
Bertran Bonello Zuerst war es nur Zufall. Jacques schätze ich als Schauspieler sehr, auch Xavier ist für mich genauso Schauspieler wie Regisseur. Ich habe wohl einfach Leute angerufen, die ich kannte. Männer sind anwesend im Film, aber keine richtigen Figuren – so etwas kann man einem Schauspieler viel schlechter erklären. Die Regisseure habe ich nicht gefragt, ob sie Rollen spielen wollen, ich habe nur gesagt: „Wollt ihr in mein Haus kommen?“ Vielleicht sagt das es ja auch etwas übers Kino aus, wenn Schauspielerinnen Prostituierte sind und Regisseure die Kunden.

Haus der Sündetip Es gibt keine lineare Handlung im Film, eher dramatische Inseln – wie hat sich diese Struktur entwickelt?
Bertran Bonello Das hat viel Zeit gebraucht. Für mich ist Kino vor allem Zeit und Raum. In diesem Film gibt es aber keinen Raum: Es gibt nur einen Schauplatz, man sieht die Außenwelt nicht. Das machte mir Angst. Deshalb habe ich versucht, den Raum über die Zeitebene zu vermitteln. Deshalb dieses Spiel mit Zeit, die Perspektivenwechsel, die Loops, Rückblicke und Split-Screens. Ich wollte, dass man das Gefühl für Zeit verliert. Außerdem wollte ich so vermeiden, dass der Film verstaubt wirkt.

tip Mit Ihrer Wahl von Soulmusik aus den 60er-Jahren durchbrechen Sie diese Einheit der Zeit. Wie ist diese Idee entstanden?
Bertran Bonello Ein Film ist immer aus der Zeit, in der er gemacht wurde. Wenn man heute einen Kostümfilm aus den 70er-Jahren anschaut, wird man auch sagen, es geht darin um die 70er-Jahre. Die Soulmusik mag ich selbst sehr; ich habe sie gehört, als ich den Film geschrieben habe, und es gab eine affektive Beziehung zwischen mir, dem Thema des Films, den Frauen und der Musik. Vielleicht wollte ich damit auch eine wenig „Soul“ an die Mädchen weitergeben, vielleicht gibt es eine Beziehung hinsichtlich des Themas der Sklaverei in dieser Musik. Es war jedenfalls keine Entscheidung für einen bestimmten Anachronismus. Der Film ist ganz in seiner eigenen Gegenwart.

tip Bedeutet Dekadenz nicht auch, eine Ahnung vom Ende zu haben?
Bertran Bonello Im Französischen heißt Dekadenz langsames Ende. Wahrscheinlich ist es hier zu langsam, um es überhaupt zu realisieren. Es gibt keine Auseinandersetzung darüber. Man schaut dem Treiben nur zu.

Interview: Dominik Kamalzadeh

Fotos: 2011 – Les Films Du Lendemain / My New Picture / Arte Cinema France

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Haus der Sünde“ im Kino in Berlin

zurück | 1 | 2

Mehr über Cookies erfahren