Kino & Stream

Ein Interview mit Bertrand Bonello

Bertrand Bonello

tip „Haus der Sünde“ beschreibt den Alltag in einem vornehmen Bordell am Ende des 19. Jahrhunderts. Hat Sie zuerst das Etablissement interessiert, oder war es das Leben der Prostituierten?
Bertrand Bonello
Nach „De la guerre“ hatte ich den Wunsch, mit einer Gruppe junger Frauen einen Film zu machen – er sollte in der Gegenwart spielen, aber daraus wurde nichts. Also griff ich auf eine ältere Idee zurück, mit einem Bordell als zentralem Ort: geschlossen, mysteriös, die Vorhänge sind zugezogen. Es handelt sich um eine Welt in sich, was in filmischer Hinsicht sehr wichtig war. Man kann einen eigenen Kosmos erschaffen mit eigenen Regeln. Für mich funktioniert das Bordell wie ein Gehirn oder wie ein Kino. Man geht in einen Raum, und wenn sich die Türen schließen, ist die Außenwelt suspendiert. Man ist der Fantasie, der Einbildung wegen da.

tip Hat das Bordell nicht auch wie ein Theater Bühnen, auf denen die Frauen performen?
Bertrand Bonello
Es gibt Bühnen und auch den Backstage-Bereich. Statt des Publikums gibt es Klienten, statt des Direktors die Kupplerin. Wenn mich die Schauspielerinnen etwas gefragt haben, habe ich ich immer gesagt: „Denkt: Theater!“ An der Stelle, an der der Arzt sagt, dass ein Mädchen krank sei, sagt die Vorsteherin: „The show must go on.“ Auf Französisch sagt man: „Reprйsentations.“ Man muss auf jeder Ebene bereit sein, zu performen.

Haus der Sündetip Diese Vorstellung befindet sich Ende des 19. Jahrhunderts jedoch bereits in der Krise …
Bertrand Bonello
Durch das Gesetz geschlossen wurden die Häuser erst 1946, nach dem Krieg. Das ursprüngliche Filmprojekt hätte mit der Wiedereröffnung der Häuser begonnen, sie als eine Art Science-Fiction beschrieben. Doch ich beschloss, den Film in der Vergangenheit anzusetzen, denn speziell die Zeit der Jahrhundertwende faszinierte mich. Ich wollte etwas über die Außenwelt erzählen, indem ich das Innere nicht verließ. Es ist das Ende des Klassizismus, in Paris gibt es bereits Elektrizität, das Telefon, und die Psychoanalyse beginnt sich zu regen. Die Welt ist in Veränderung. Das zentrale Thema des Films ist das Ende der Dinge – das fand ich aber erst nach dem Dreh heraus.

tip Wie verändert sich das Leben der Prosti­tuierten?
Bertrand Bonello Schon 1910 war die Prostitution nicht mehr dieselbe wie in den „geschlossenen Häusern“. Da gab es sie bereits in Restaurants, auf den Straßen, in Parks. Die Häuser waren ein Ort für sozialen Austausch. Die Kunden kamen auch, um einen Drink zu nehmen, um Konversation zu führen. Man musste in kein Zimmer gehen, wenn man nicht wollte.

tip Es ist ein Ort für die Bourgeoisie.
Bertrand Bonello
Genau. Bürgerliche, auch Künstler verkehrten hier, es gibt viele Gemälde aus dieser Zeit. Marcel Proust ging hin, obwohl er homosexuell war.

Haus der Sündetip Haben Sie sich nach der Malerei auch visuell orientiert? Das Licht, die Stoffe, die Kostüme – das erinnert an Gemälde.
Bertrand Bonello Was das Licht betrifft, haben wir genaue Recherchen gemacht: Es gab eine Mischung aus Öl, Kerzen und Elektrizität – sodass wir ab einem bestimmten Punkt womöglich dasselbe sahen, was diese Leute sahen. Es mag wie ein Gemälde wirken, aber der Eindruck entsteht wohl eher dadurch, dass wir die richtige Atmosphäre herstellten.

tip Ein „bewegtes Bild“?
Bertrand Bonello Ja, ein Live-Painting, das kann man so sagen. Wir haben sehr kontrolliert in einem Studio-Setting gearbeitet, wo jede Einstellung besonders sein sollte.

tip Zu den Körpern: Die Frauen sind selten nackt zu sehen, eher beim Umkleiden als beim Sex. Warum?
Bertrand Bonello
Auch das ist etwas, was ich in der Recherche herausgefunden habe. So war damals die Realität: Die Frauen trugen so viel Kleidung, dass es jedes Mal eine halbe Stunde gedauert hätte, sich auszuziehen. Deshalb hatten sie beim Geschlecht extraweit ausgeschnittene Unterhosen. Auch die Männer zogen sich nicht aus. Man hatte angekleidet Sex.

tip Es ging also nicht so sehr um einen Fetisch als um ökonomische Hintergründe?
Bertrand Bonello
Ja, es war eine Ökonomie der Zeit. Die Leute hatten auch ein anderes Verhältnis zu Nacktheit. Nackt war Sex teurer. Selbst verheiratete Paare schliefen meist im Dunkeln miteinander. Zugleich war es mir viel zu offensichtlich, nackte Leiber beim Sex zu zeigen. Deshalb zeige ich andere Dinge zwischen Männern und Frauen, die Puppe und die Geisha etwa. Es offenbart die Exzentrik dieser Häuser – etwa auch das Bad aus Champa­gner, eine Idee von Prinz Edward VII., der dafür häufig aus London nach Paris kam.

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