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Ein Interview mit Bruce Robinson

Bruce Robinson

tip Mr. Robinson, stimmt es, dass Johnny Depp Sie persönlich angerufen hat?
Bruce Robinson Ja, ich machte Urlaub in Spanien und bekam einen Anruf im Hotel: „Hier ist Johnny Depp.“ Das hielt ich zunächst für einen Scherz. Aber er war es wirklich und er fragte mich, ob ich das Buch kennen würde. Das kannte ich nicht, also wurde es am nächsten Tag angeliefert. Ob ich ein Drehbuch daraus machen könne? Als das getan war, meinte er, ich solle auch die Regie übernehmen. Ich sträubte mich zunächst dagegen, denn ich sehe mich in erster Linie als Autor. Aber so einem Angebot konnte ich nicht wirklich widerstehen.

tip Johnny Depp war mit Hunter S. Thompson befreundet und hatte dessen Alter Ego bereits 1998 in Terry Gilliams „Angst und Schrecken in Las Vegas“ auf der Leinwand verkörpert. Gab er Ihnen so etwas wie einen Leitfaden?
Bruce Robinson Nein, es gab nur wenige Kommentare von seiner Seite. Ich wollte keinen Film machen, der in irgendeiner Weise Ähnlichkeiten mit Terry Gilliams Film aufwies.

tip Haben Sie Thompson je selber getroffen?
Bruce Robinson Ja, 1990 im berühmten Hotel Chateau Marmont in Los Angeles. Meine Ehefrau kannte seine Freundin ziemlich gut. Als wir damals in L.A. waren, fragte sie uns, ob wir Hunter treffen wollten. Klar wollten wir das. Schließlich saßen wir zwei Stunden im selben Hotelzimmer mit ihm, ohne dass wir ein Wort miteinander sprachen. Er hatte ja eine Vorliebe für Rauschmittel und wechselte von einem zum nächsten.

tip Als Johnny Depp Sie anrief, haben Sie ihn  da gefragt: „Warum gerade ich?“
Bruce Robinson Natürlich!

The Rum Diarytip Und er gab zu, dass er diesen kleinen britischen Film kannte, mit dem Sie 1987 Ihr Regiedebüt gaben?
Bruce Robinson Ja, er erklärte, er sei ein großer Fan von „Withnail & I“, wie auch Hunter S. Thompson.

tip Überrascht es Sie, dass „Withnail & I“ in Großbritannien nach 25 Jahren immer noch so populär ist?
Bruce Robinson Ja, wir dachten damals, nach ein paar Wochen wäre er wieder aus den Kinos verschwunden. Und jetzt ist er so etwas wie ein institutionalisierter Initiationsritus: Wenn man studiert, betrinkt man sich und schaut sich dann diesen Film an.

tip Ihre dritte Regiearbeit „Jennifer Eight“ (1992) war dann dafür verantwortlich, dass Sie Ihre Regiekarriere für fast zwanzig Jahre unterbrachen?
Bruce Robinson Ja, nach zwei kleinen britischen Filmen fand ich mich plötzlich mitten im amerikanischen Studiosystem wieder, das meiner Mentalität in keinster Weise entsprach. Ein Albtraum, von Änderungen am Drehbuch bis hin zur Besetzung. Beim Dreh kamen Leute auf mich zu und sagten: „Hi, sind Sie Bruce? Ich spiele den und den.“ Dabei hatte ich die Rolle mit jemand ganz anderem besetzt! Ich würde nie wieder einen Fuß in ein Studio setzen.

tip Sie haben Ihre Filmkarriere 1968 als Schauspieler begonnen. Beeinflusst das die Art, wie Sie inszenieren?
Bruce Robinson Schauspieler zu sein hat mich nie so befriedigt. Ich wusste damals schon, dass ich als Autor arbeiten wollte. Ich habe als Schauspieler zwei Filme gemacht, die vollkommen gegensätzliche Erfahrungen waren. Franco Zeffirelli führte sich bei „Romeo & Julia“ (1968) als Diktator vom Schlag Mussolinis auf. François Truffaut („Die Geschichte der Adиle H.“, 1975) war das Gegenteil – sehr ruhig. Er wusste genau, was er wollte. Damals sagte ich mir: Wenn ich je einen Film inszeniere, dann möchte ich so sein wie Truffaut. Ich lernte von ihm, dass Schauspieler in höchstem Maße verletzlich sind. Also muss man sich als Regisseur immer fragen: Was kann ich tun, damit sie sich wohlfühlen? Ich inszeniere, indem ich ihnen Szenen vorspiele. Die Kamera ist mir eigentlich egal, sie sollte ein privilegierter Beobachter sein, nicht mehr.

tip Was haben Sie gemacht, als Sie Hollywood nach „Jennifer Eight“ verlassen haben?
Bruce Robinson Ich schrieb zunächst meinen Roman „The Peculiar Memories of Thomas Penman“, dann Kurzgeschichten und schließlich Drehbücher – insgesamt habe ich 46 Drehbücher geschrieben, von denen 40 nie verfilmt wurden. Ich verdiente damit gutes Geld, aber es war nicht das, was ich machen wollte. Am liebsten würde ich heute in London meinen Roman als kleinen Film drehen. Aber obwohl die Geschichte recht komisch ist, gibt es dafür wohl kein großes Publikum. Da wir in Großbritannien dieselbe Sprache sprechen wie in den USA, haben wir eigentlich keine nationale Filmindustrie. In England ist die erste Frage immer: Passt das für den amerikanischen Markt?

Interview: Frank Arnold

Fotos: Wild Bunch Germany

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