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Ein Interview mit Christoph Hochhäusler

Christoph Hochhäusler

tip Herr Hochhäusler, in „Die Lügen der Sieger“ geht es unter anderem um ein Gesetz über eine „Gefahrenstoffrichtlinie“. Eigentlich ziemlich trockener Stoff. Was ist daran aber doch spannend?
Christoph Hochhäusler Ich wollte einen Film über Journalismus und Manipulation machen. Dabei stießen wir, der Autor Ulrich Peltzer und ich, auf Informationen über eine Lobbyschlacht um eine EU-Richtlinie über gefährliche chemische Stoffe. Deutschland ist ein großer Importeur solcher Substanzen, das betraf die Industrie also sehr direkt, und die hat dann auch sehr viel Geld in die Hand genommen, um die Richtlinie durch Lobbyarbeit zu entschärfen.

tip Dieses Motiv verbindet sich im Film mit einem anderen: die Bundeswehr in Afghanistan und die Geschichten der Rückkehrer. Auch die Hauptfigur war in Afghanistan: als Journalist. Wie entsteht so ein Drehbuch mit einer weit verzweigten Geschichte?
Christoph Hochhäusler Konkret ist das so, dass Ulrich Peltzer und ich gemeinsam in einem Raum sitzen und schreiben. Meistens tippt er, jemand liest vor, es geht hin und her. Wir haben am eigenen Leib erfahren, wie anspruchsvoll es ist, einen Thriller zu schreiben. Es geht dabei ja in der Regel um alltägliche Situationen, die plötzlich zu einem Gefahrenraum werden, meist durch Information. Diese Aufladung interessiert mich an dem Genre. Die Drehbucharbeit wird unglaublich logistisch: Wer erfährt was wann von wem? Das ist wie Uhrmacherei.

tip Fabian, der Journalist, eigentlich ein Erfolgstyp, hat zwei markante Handicaps. Er hat Diabetes, und er spielt. Warum braucht es diese Schwächen? Um ihn menschlicher zu machen?
Christoph Hochhäusler Fabian sollte kein Idealist im klassischen Sinn sein, sondern jemand, der alles als Spiel nimmt. Er hat eigentlich kein Projekt. Das Glücksspiel ist für ihn eine Form, die über das Leben hinausgeht, weil das Leben für ihn eigentlich zu leicht ist. Diabetes begann mich zu interessieren, als ich las, dass man diese Geräte – Herzschrittmacher, Blutzuckermesser – hacken kann. Das ist eine neue Verletzlichkeit. Das ist wie das Lindenblatt bei Siegfried in den Nibelungen. Hier wird markiert, wo man jemanden treffen kann.

Christoph Hochhäusler und Ulrich Peltzertip Mit Florian David Fritz hat „Die Lügen der Sieger“ einen echten Star in der Hauptrolle. Hilft das?
Christoph Hochhäusler Ich wollte ihn, weil die Figur Fabian anfangs ja auch ein Star ist. Umso deutlicher dann sein Absturz. Interessanterweise habe ich die Polarität des kommerziellen und künstlerischen Kinos in Deutschland ein bisschen unterschätzt. Manche finden es unmöglich, dass ich mit Florian drehe, andere finden es unmöglich, dass er mit mir dreht.

tip Ein Bild, das in Ihren Filmen wiederkehrt, ist der Blick von außen in die Büros, in die Funktionszellen. Was fasziniert Sie daran?
Christoph Hochhäusler Das hat mich schon als Kind beschäftigt. Was passiert hinter diesen Fassaden, wer lebt da? Das bleibt zu einem Großteil Spekulation, die Büros sehen alle gleich aus, die Journalisten und die Beeinflussungsindustrie sind oft kaum zu unterscheiden.

tip Sind Sie da eher Voyeur oder Aufklärer?
Christoph Hochhäusler Man kann im Spielfilm nie nur Aufklärer sein. Ich bin immer fasziniert von anderen Lebensweisen, auch von dem „Bösen“. Ich habe für diesen Film viel mit Leuten gesprochen, die sich als Kommunikationsexperten verstehen. Die besitzen mehr Sophitication als die Journalisten, haben Gender Equality in der Firma und trinken das bessere Wasser.

tip Die Berliner Republik hat auch neues Personal hervorgebracht. Nicht mehr nur die klassischen Lobbyisten, sondern Leute, die einfach Lösungen anbieten.
Christoph Hochhäusler Absolut. Früher wusste man genau: Der BDI will das und das, das war leicht zu durchschauen. Heute sind die entscheidenden Spieler flexibler, sie gehen das häufig mit einem sportlichen Ehrgeiz an, sie sind stolz darauf, wenn sie, wie es einmal heißt, aus einem „Darstellungszwerg“ einen „Wirkungsriesen“ machen können.

tip Ihr nächster Film soll eine deutsch-französische Koproduktion mit Isabelle Huppert sein. Worum geht es?
Christoph Hochhäusler Es handelt sich um eine Besatzungsgeschichte. Eine Frau betreibt ein Fotogeschäft, in das nach der deutschen Eroberung Frankreichs 1940 die Bilder des Feindes fließen. Das Projekt verdankt sich der Initiative von Isabelle Huppert. Ich gehe davon aus, dass wir nächstes Jahr drehen.

Interview: Bert Rebhandl

Foto oben: Holger Albrich

Foto unten: Benjamin Pritzkuleit

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Die Lügen der Sieger“ im Kino in Berlin

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