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Ein Interview mit Dani Levy

Dani Levytip Das deutsche Kino hat eine schwierige Beziehung zur Komödie – es würde gern, kann aber oft nicht so recht …
Levy Das ist ein Riesenthema, und hat sicher damit zu tun, dass der deutsche Film immer noch stark durch die Generation gesehen wird, die sich in den 60er- und 70er-Jahren von „Papas Kino“ abgegrenzt hat. Daran wurden dann auch noch die Komödien gemessen, die ab Mitte der 80er sehr erfolgreich waren. Ich muss aber im Rückblick sagen: Komödie darf so durchschaubar nicht sein, wie damals viele Filme waren. Ich habe dann ja selbst fast zehn Jahre lang Tragödien gemacht – „Meschugge“, „Stille Nacht“, „Väter“ – und bin auf der Welle der Tragödie wieder zur Komödie gekommen. Bei den letzten drei beobachte ich mit fast schon neurotischen Ängsten, was ich da eigentlich gemacht habe: Das passiert einem nur unter dem Risiko, dass man sich radikal vertritt. Aber nur so kann ich einem meiner allergrößten Idole, Buster Keaton, ein bisschen gerecht werden. Die Angst, dass ich mich mit einem neuen Film völlig selbst verschuldet ins Out geboxt habe, das ist ein Spiel, das ich offensichtlich im Moment brauche.

tip Was ist denn eigentlich jüdischer Humor?
Levy Eine Kunst des Paradoxen, des Surrealen, des Verzerrten, des Widersprüchlichen – das war die Kunst, die den Nazis als „entartet“ erschien. Heute wissen wir, dass das viel mit Psychologie, mit Psychoanalyse zu tun hat, mit dem, was das Leben schwierig und gleichzeitig lebenswert macht. Den jüdischen Humor nährt eine ganz starke Identifikation mit der Schwierigkeit der Existenz. Das  muss auch wehtun. Wenn jemand den Mut hat, die Hosen runterzulassen, dann hat das auch positive Strahlkraft. Darauf hat der jüdische Humor kein Monopol, das gibt es auch in der muslimischen Kultur, nur ist es dort viel stärker in den Untergrund gedrängt.

Das Leben ist zu langtip Alfi Seliger möchte einen Film über den Karikaturenstreit um Darstellungen des Propheten Mohammed machen. Eine Komödie mit dem Arbeitstitel „Mohahammed“ – ist das mehr als ein Kalauer?
Levy Der Karikaturenstreit und die ganzen Folgen waren eine Provokation für jemanden, der sagt, Humor muss grenzüberschreitend möglich sein. Für einen Komödienregisseur ist das ein perfekter Ausgangspunkt, denn der Humor ist hier selbst Thema des Streits. Das ist das Zentrum des Sturms.

tip „Das Leben ist zu lang“ nimmt sich am Ende eine Menge vor – es geht darum, das Kino, vielleicht auch die Realität, als Gefängnis zu durchschauen.
Levy Ich hatte als ersten Impuls, Alfi Seliger in seiner Welt zu beschreiben, einen Hypochonder mit Familien- und Berufsproblemen. Da hatte ich aber schnell das Gefühl, dass das ein alter Hut ist. So bin ich auf den Gedanken gekommen, dass Alfi irgendwann einen Blick auf die nächste Ebene der Realität erwischt, auf seinen Status als Figur in einer Fiktion. Wenn man einen Film über Film macht, muss man diese Verunsicherung wagen. Es gibt immer noch ganz viele Realitäten rundherum. Selbst Buster Keaton ist schon aus einer Leinwand herausgepurzelt. Beim Träumen haben wir kein Problem damit, ständig die Ebene zu wechseln, diese Vieldimensionalität hat dort ihre eigene Logik, und das in einem Film wiederherzustellen, hat mich sehr gereizt. Das ist, als würde man die Zweidimensionalität des Films zum Kampf auffordern.

Interview: Bert Rebhandl

Fotos: Nik Konietzky

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Lesen Sie hier die Filmkritik: „Das Leben ist zu lang“ im Kino in Berlin

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