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Ein Interview mit Dani Levy

Dani Levy (Mitte)tip Herr Levy, können Sie sich erinnern, welchen Film Sie 1995 gemacht haben?
Dani Levy Sicher. Ich habe 1995 den Film „Stille Nacht“ gedreht, ein richtiges Melodram mit Elementen fast schon ein bisschen wie bei Bertolucci. Wir haben vollständig im Studio Babelsberg gedreht. Es ging um die Dramatisierung einer Dreiecksbeziehung an einem Weihnachtsabend.

tip Ich frage, weil es in „Das Leben ist zu lang“ um einen Filmemacher namens Alfi Seliger geht, dessen einziger Hit aus dem Jahr 1995 stammt. Daran wird er immer noch gemessen.
Levy Ja, ich hatte auch so einen Film, allerdings gut zehn Jahre später. Bei mir ist es „Alles auf Zucker“ (2004), auf den mich die Leute immer wieder ansprechen, als hätte ich sonst gar nichts gemacht. Und auch bei „Alles auf Zucker“ höre ich alle möglichen unfreiwilligen Verballhornungen dieses Titels.

tip Ist das eine Alterserscheinung, dass Filmemacher das Bedürfnis entwickeln, von einem Filmemacher zu erzählen?
Levy Das ist eine Frage, die eigentlich in eine Psychotherapie gehört. Ich habe zwar immer schon persönliche Filme gemacht, aber keine, in denen ich mich selber thematisiert und auch ironisiert habe. Jetzt bin ich 50 geworden, und tatsächlich fand ich das irgendwie an der Zeit, aber das steht in einem größeren Kontext. Ich finde, dass wir uns derzeit in einer Krise befinden, weil eine bestimmte Form von Aufgeklärtheit, die im Kino in den 60er- oder 70er-Jahren schon einmal vorhanden war, vergessen wurde. Was ist überhaupt Film in unserer Zeit, mit Fernsehen und Internet und Bilderflut? Ich stehe da als Filmemacher in einer ganz komischen einsamen und veralteten Position, und das hat mich so berührt, dass ich darüber einen Film machen musste. Ich hatte früher ja schon einmal versucht, „8 1/2“ von Fellini auf die Bühne zu bringen, und vergleichbare Filmreflexionen gibt es viele, von Moretti bis Almodуvar, von Truffaut bis Godard.

Das Leben ist zu langtip Der Filmemacher als der Hofnarr der Mediengesellschaft: Wieviel haben Alfi Seliger und Dani Levy tatsächlich gemeinsam?
Levy Das ist eine Figur, für die ich mich zur Verfügung gestellt habe, die aber nicht ich bin. Bei Alfi Seliger musste ich mich nicht verrenken, um diese Figur zu gestalten: Da gehen Dinge hinein, die ich auch zur Verfügung stellen kann (bei anderen Dingen ginge das gar nicht, weil sie wohl zu schmerzlich wären). Die Fiktionalität hat sich auch oft wieder an mich herangeschlichen, manchmal habe ich bei Ideen erst hinterher begriffen, was sie mit mir zu tun haben. Ich bin aber zum Beispiel in einer viel privilegierteren Situation als er, seine Larmoyanz wäre bei mir unangebracht.

tip Fast könnte man meinen, Sie fügen sich mit „Das Leben ist zu lang“ erleichtert in ihr Schicksal, dass die Komödie Ihr Genre ist.
Levy Es gab auf jeden Fall eine fast schon kindliche Ungeduld, den Film jetzt machen zu wollen. Die Arbeit war sehr lustgetrieben. Dass ich die Rolle, die ich im deutschen Film spiele, die Rolle, die wir alle im Leben spielen, bis zu einem gewissen Grad akzeptieren kann, ist sicher Thema des Films. Und darüber kann man jetzt lachen. Das hat etwas Befreiendes.

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