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Ein Interview mit David Cronenberg

David Cronenberg

tip Man kann in „Cosmopolis“ eine Fortsetzung Ihres Psychoanalyse-Films „A Dangerous Method“ sehen.
David Cronenberg Es gibt in beiden Filmen dieses Spiel mit Dialogen, die sehr intellektuelle Figuren aufeinander abfeuern. Auch wenn hier Sprache in anderer Weise verwendet wird. In „A Dangerous Method“ öffnete sie zuvor verschlossene Bereiche von Erfahrung und Gedanken, und die Figuren sind begeistert davon. In „Cosmopolis“ dient die Sprache dazu, Verbindungen zwischen Menschen zu vermeiden. Es ist alles sehr technisch, man vermeidet einander. Die beiden Filme würden zusammen wirklich ein interessantes Doppelprogramm abgeben.

tip Auch, weil Sie Freuds Methode auf DeLillos Roman anwenden. Es sieht aus, als würde die Lösung nicht außerhalb, sondern innerhalb des Systems gefunden werden. Der Todestrieb zerstört die Hauptfigur, die den Kapitalismus so ideal repräsentiert und rundherum mit ihrer Libido alles besetzt.
David Cronenberg Sie könnten diese Struktur benutzen, um es zu analysieren. Ich mache das nicht. Für mich ist das alles intuitiv, es fühlt sich richtig an oder nicht. Im Nachhinein ist es interessant, diese Art von Analyse zu machen, und ich glaube, es würde funktionieren.

tip Aber produzieren Sie eine solche Interpretation nicht selbst automatisch, wenn Sie ein Buch wie „Cosmopolis“ lesen?
David Cronenberg Ich versuche nicht analytisch zu sein. Meine ersten Gefühle sind immer leidenschaftlich, intuitiv. Der Grund ist, dass einem abstrakte Begriffe und Strukturen nicht helfen, wenn man einen Film macht. Einen Film macht man Detail für Detail. Man besetzt einen Schauspieler, entscheidet welche Kleidung er trägt, welche Schuhe, wie sein Haar aussieht, wie er sitzt, wie seine Körpersprache ist, welchen Akzent er hat. Man denkt nicht über das große Konzept nach, sondern nur über Details, Details, Details. Es ist wie bei Jackson Pollock. Man macht Punkt für Punkt. Und erst wenn man zurücktritt, sieht man, was man gemacht hat.

tip Sie haben kurioserweise fast alle visuellen Metaphern, Dйjа-vu-Spiele und Kino-Referenzen, die es im Buch gibt, gestrichen. Warum?
David Cronenberg Ich fand das nicht kinogerecht. Meine Erfahrung mit Adaptionen vieler Stoffe bringt mich dazu, zu akzeptieren, dass die beiden Medien unterschiedlich sind. Man kann keine Replika eines Romans auf der Leinwand machen. Das schlimmste ist, wenn in Filmen der Roman aus dem Off noch eingelesen wird. Ich mache etwas Neues. Bei „Cosmopolis“ ist der Dialog fast unverändert. Aber das ist nicht das Buch. Bei der Figur von Paul Giamatti haben wir eine ganze Erzählung in der Erzählung gestrichen. Aber dafür gibt es Giamatti selbst, wie er spricht, sich bewegt. Das ist mein „Credit Default Swap“. Ich gebe das im Tausch für etwas anderes.

David Cronenbergtip Ihr Hauptdarsteller Robert Pattinson bringt ebenfalls einen Mehrwert mit. Wie seine Figur ist auch er eine extreme, globale Celebrity. Hat Sie das bewegt?
David Cronenberg Nicht wirklich. Es war mit Viggo Mortensen bei „A History of Violence“ sehr ähnlich, der durch „Herr der Ringe“ zum Star geworden war, nachdem er vorher nur als Charakterdarsteller hervorgetreten war. Ich konnte ihn benutzen, weil er das Startum hatte, das die nötige Finanzierung anziehen konnte. Es ist dasselbe mit Rob Pattinson. Ich mag die „Twilight“-Serie, weil sie mir Rob gegeben hat. Man braucht einen Schauspieler, der das Geld erregt. Das ist die Natur des Spiels, weil der Film verkauft werden muss. Aber jenseits davon habe ich nicht an seine Persona oder seinen Ruhm gedacht. Und wenn wir am Set sind, nehme ich nur noch ihn wahr. Ich denke nicht an „Twilight“ oder „eXistenZ“ oder „Dead Ringers“ oder an die 150 Filme, die Paul Giamatti gemacht hat.

tip Aber auch am Set muss das Besondere dieser Besetzung deutlich geworden sein. In Toronto hatten Sie Teenager als Zaungäste, auf deren T-Shirts zweideutig das Code-Wort prangte, mit dem die Hauptfigur ihre Waffe entsichert und zum Abschuss bereit macht. „Nancy …
David Cronenberg … Babic“. Natürlich war mir das klar. Pattinson brauchte auch manchmal Security. Aber es hat den Dreh dann nicht beeinflusst.

tip Fügt es nicht eine Ebene hinzu?
David Cronenberg Nicht für mich. Es ist leicht zu sagen: „Eric Packer ist ein Vampir der Wall Street.“ Aber für Rob ist die Herausforderung, diese Rolle zu spielen, eine ganz andere. Funktionell, kreativ bedeuten die anderen Filme nichts. Hinsichtlich des Verkaufs und der Fans ist es wunderbar. Es gibt Fansites für „Cosmopolis“ von jungen Mädchen, die den Roman lesen. Davor haben sie vielleicht nur „Harry Potter“ und „Twilight“ gekannt und jetzt: Don DeLillo. Und sie scheinen den Film zu mögen und ziemlich gut zu verstehen. Das ist für uns ein komplett unerwartetes Geschenk.

tip Diese Fans sind auch mit einer Schauspielweise konfrontiert, die fast avantgardistisch unterkühlt ist. Sie haben von Beckett als Referenz gesprochen. Üblicherweise operieren Filme dieser Liga mit einer anderen Technik.
David Cronenberg Auch da gilt. Ich mache es nicht gegen seine oder meine Filme. Wir hatten das Gefühl, dass es für diesen Film gut funktionierte. Die Interaktion zwischen „Twilight“-Fans und „Cosmopolis“ ist interessant – aber es gibt auch eine Menge DeLillo-Fans, die nicht wissen wer Robert Pattinson ist. Das wird eine sehr interessante Mischung im Kino. Zwei Reihen hysterische Teenager und hinter ihnen Erwachsene, die Pattinson nicht kennen, aber wissen wer DeLillo ist oder wer ich bin. Man kann es nicht kontrollieren. Es ist eine Illusion, das zu glauben.

tip In diesem Film spielen Autos eine große Rolle. Sie haben selbst eine ganz besondere Beziehung zu Autos, zu hochgetunten Sportwagen im Besonderen. Woher kommt dieses Interesse?
David Cronenberg Oh, das ist eine große Frage. Das zu beantworten würde lange dauern. Es hat mit Technologie zu tun, Geschwindigkeit, dem kreativen Element der Technologie, dem Fleischlichen, der Verlängerung des menschlichen Körpers. Eine Riesendiskussion.

tip Im Fall von „Cosmopolis“ dringt man mit dem Einstieg ins Auto praktisch in den Schädel des Helden ein.
David Cronenberg Das stimmt. Man ist in seinem Kopf, wenn man in der Limousine ist.

tip Stecken Sie in Ihrem eigenen Kopf, wenn Sie in einem Sportwagen sitzen?
David Cronenberg Nein, nicht ganz. Das heißt: irgendwie schon.

Interview: Robert Weixlbaumer

Fotos: Harry Schnitger / tip

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Cosmopolis“ im Kino in Berlin

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