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Ein Interview mit David Cronenberg

David Cronenberg

tip Mr. Cronenberg, haben Sie je eine Psychoanalyse gemacht?
David Cronenberg Nein, ich kenne viele Leute, die eine gemacht haben. Aber ich hatte nie das Bedürfnis. Es zeigt aber, wie ernst ich es nehme. Es ist nichts, was man zum Spaß macht oder als Hobby.

tip Sie könnten sich dem aus Neugierde unterziehen, um mehr über die Funktionsweise Ihres Geistes zu erfahren.
David Cronenberg Die Frage ist: Erfinde ich dann eine Neurose, um darüber zu sprechen? Ich habe keine besondere problematische Beziehung, die ich mit einem Psychoanalytiker bereden könnte. Und es braucht Zeit, auch wenn Freud nicht daran gedacht hat, dass jemand 30 Jahre lang eine Analyse macht wie Woody Allen.

tip Sie beschäftigen sich schon lange mit allen möglichen Aspekten der Psyche. Wäre es überhaupt die Methode Ihrer Wahl?
David Cronenberg Kommt darauf an. Psychotronische Drogen sind ein interessantes Gebiet. Ein Psychiater in den USA verbringt heutzutage durchschnittlich 15 Minuten mit einem Patienten und gibt ihm dann eine Pille. Kaum jemand hat hier die Zeit, die Energie oder das Geld, um eine echte freudianische Psychoanalyse zu machen. Aber ich habe gelesen, dass in der wachsenden chinesischen Mittelklasse die Psychoanalyse immer populärer wird. Es gibt eine Menge Psychoanalytiker aus New York und anderen amerikanischen Städten, die mit chinesischen Patienten skypen. Offensichtlich ist sie also am Leben.

Eine dunkle Begierdetip Sie stoßen mit „Eine dunkle Begierde“ ins Fundament des Gebäudes vor, das Sie in Ihren Filmen schon jahrzehntelang erkunden.
David Cronenberg Der erste Film, den ich gemacht habe, hieß „Transfer“. Er war sieben Minuten lang und handelte von einem Psychiater und seinem Patienten. Ich war immer von dieser neuen Beziehung fasziniert, die Freud erfunden hatte. Dass man einem Fremden solch intime Dinge enthüllt und zugleich in einer Übertragung die eigenen Gefühle auf diesen Analytiker bezieht. Es entsteht da eine sehr komplexe, emotional sehr schwierige Beziehung. Ich fand das faszinierend, weil ich mich immer dafür interessiert habe, wie wir versuchen zu verstehen, was es heißt, menschlich zu sein. Das ist im Grunde die Essenz der Psychoanalyse und auch die Essenz von Kunst. Und natürlich gibt es später in meinem Werk den Psychotherapeuten, den
Oliver Reed in „The Brood“ spielt.

tip Ein Sektierer mit einer radikalen, psychosomatischen Theorie.
David Cronenberg Ja, wir hatten damals Lust, eine neue Art von Psychotherapie zu erfinden, aber immer noch basiert auf freudianischen Ideen. Mit „Eine dunkle Begierde“ jetzt zurück zu Freud zu gehen und ihn wiederauferstehen zu lassen fühlte sich gut an. Das geht nur in der Kunst. Aber ich bin nicht wie Bernardo Bertolucci, der sagt, dass er die psychoanalytische Methode benutzt, wenn er seine Figuren entwickelt, und selbst seit vielen Jahren in Analyse ist. Oder wie Dalн und die Surrealisten, die ihre Träume analysiert und in ihrer Arbeit benutzt haben. Ich habe das nie so direkt gemacht. Aber natürlich ist jeder, der im 20. Jahrhundert geboren ist, von Freuds Theorien beeinflusst. Allein die Weise, wie wir menschliche Beziehungen verstehen, oder dass wir wissen, dass man Dinge unbewusst machen kann.

tip Für John Kerr, der mit „A Most Dangerous Method“ die eigentliche biografische Vorlage für Ihren Film geschrieben hat, sind Sigmund Freud, C.G. Jung und Sabina Spielrein mit dem neuen Wissen von sich selbst die „ersten Bürger des 20. Jahrhunderts“.
David Cronenberg Ja, sie haben die Moderne erfunden. Und ich denke auch, dass eine Frau, die zu Männern auf diese Weise spricht wie Spielrein, in dieser Epoche eigentlich etwas Undenkbares tat. Auch deshalb deformiert sich ihr Mund so in ihrer Hysterie, weil sie Dinge sagen soll, die unaussprechlich sind: dass sie in sexueller Erregung masturbierte, wenn ihr Vater sie schlug. Undenkbar, dass eine junge Frau aus einer angesehenen, reichen Familie so etwas sagt. Und als sie selbst an sich erfährt, dass es möglich ist und die Welt davon nicht zerbricht, beginnt sie sich selbst für die Psychoanalyse zu interessieren. Jeder, der von der Psychoanalyse berührt wurde, war so überwältigt von der Erfahrung, dass er selbst die andere Rolle spielen wollte, in Kontrolle sein – Analytiker werden und nicht mehr Patient sein. Faszinierend.

tip Diese Selbstbetrachtung und unaufhörliche Selbstreflexion ist eine Bürde, die wir heute alle tragen.
David Cronenberg Ja, für viele ist es das. Man analysiert einander. In den Sechzigern nannten wir das „Telling people where you’re at“. Das meinte jemanden analysieren, sagen, warum er tut, was er tut. Die Leute akzeptieren das als Weg, andere und ihre Handlungen zu verstehen.

Interview: Robert Weixlbaumer

Foto David Cronenberg: Harry Schnitger / tip

Foto „Eine dunkle Begierde“: Universal Pictures

Lesen Sie das vollständige Interview in tip 24/11 auf den Seiten 38-41.

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Eine dunkle Begierde“ im Kino

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