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Ein Interview mit David Fincher

David Fincher

tip Mr. Fincher, war die schwedische Verfilmung von „Verblendung“ wirklich so schlecht, dass es schon eines US-Remakes bedarf?
David Fincher Eine befreundete Produzentin schlug mir den Stoff erstmals 2006 vor, als ich mitten in der Arbeit an „Benjamin Button“ steckte. Gefragt, worum es ging, sagte sie: Ach, nur eine dieser typischen Lesben-Hacker-Noir-Serienkiller-Geschichten (lacht). Ich sagte ab – aus Zeitmangel und weil ich wirklich nicht noch einen Film über Serienkiller im Programm brauchte. Doch das Angebot kam zurück. Ein Film war gemacht worden. Ein feiner Film, über den Sie von mir kein schlechtes Wort hören werden, denn ich weiß, wie schwer es ist, sich im schwedischen Winter nur zum Aufstehen zu motivieren. Aber meine Quelle war ausschließlich das Buch von Stieg Larsson. Und bei der Übersetzung auf die Leinwand hatte ich schon das Gefühl, hilfreich sein zu können.

tip Was meinen Sie mit „hilfreich“?
David Fincher Das Studio hatte eine Grundsatzentscheidung getroffen. Es wollte genau die Bücher verfilmen, die von fünfzig Millionen Menschen verschlungen wurden. Das hat mir imponiert. Normalerweise entfernt Hollywood alles aus seinen Geschichten, bei dem sich die Leute unwohl fühlen könnten. Eine anale Vergewaltigung, wie sie in „Verblendung“ eine dramaturgisch und psychologisch entscheidende Rolle spielt, ist im Mainstreamkino seit „Pulp Fiction“ nicht erlaubt worden. Davor zuletzt bei „Delive­rance“. Die Studios schreien nicht gerade nach mehr Sodomie (lacht).

tip Das weckte Ihre Lust am Tabubruch?
David Fincher Nein. Das wäre viel zu einfach. Ganz im Gegenteil schockt mich das grässlich puritanische Klima in Amerka, das wir bereits zu spüren bekommen haben, als unser Poster eine barbusige Hauptdarstellerin gezeigt hat. Schon dass wir solch eine ästhetische Entscheidung verteidigen mussten, macht deutlich, wie ungewöhnlich „Verblendung“ bei aller Kommerzialität konzipiert ist. Die Kids haben „Twilight“ und „Harry Potter“, aber diese Serie ist eindeutig für Erwachsene konzipiert. Ein Pulp-Stoff aus dem Supermarktregal, keine Frage. Aber das war „Der Pate“ auch – übrigens die letzte große Kinoserie, bei der kein Gedanke an Altersfrei­gaben für Teenager vergeudet wurde.

Verblendungtip Müssen Sie bei einem Budget von über 100 Millionen Dollar keine Kompromisse fürs Publikum machen?
David Fincher Diese Formulierung habe ich noch nie verstanden, weil sie impliziert, dass es einen definierbaren Publikumsgeschmack gibt. Und dass es sinnvoll wäre, ihn treffen zu wollen. Ich muss mich zum Glück nicht mit solchen Überlegungen beschäftigen. Ich habe den Job, all das Geld bestmöglich für den Film zu verwenden. Für mich kauft ein hohes Budget nichts weiter als: Zeit. Wir haben ein Jahr an „Verblendung“ gearbeitet. Wenn ich in Stockholm am Set stand und einen Tag verloren habe, weil die Straße gefroren und kein Salzlaster zu bekommen war, musste ich nicht in Panik verfallen und die Szene wegschmeißen – weil von vornherein reichlich Raum für Nachdrehs eingeplant war. Das ist der Luxus bei einer Studioproduktion. Obwohl sich der Dreh immer anfühlt wie bei einem obskuren Independent-Projekt – man steckt die Köpfe im kleinen Kreis zusammen und versucht tausend praktische Probleme zu lösen.

tip Vom Final Cut bis zur Marketing-Kontrolle genießen Sie mehr Freiheiten als die meisten Ihrer Regie-Kollegen. Warum haben Sie monatelang gebraucht, um sich für die Besetzung Rooney Maras zu entscheiden?
David Fincher Sehr viele sehr begabte Schauspielerinnen wollten den Part, und es ist kein Geheimnis, dass das Studio Scarlett Johanssen favorisierte. Auch ich liebe Scarlett – aber sie löst auch unweigerlich den Impuls aus, sie nackt sehen zu wollen. Für Lisbeth brauchte ich jemanden mit „Don’t fuck with me“-Attitüde. Sie ist ein Punk. Wobei ich Punk nicht mit Kettenhalsbändern oder Angriffslust assoziiere. Ich meine selbst gewählte Abgrenzung von der Gesellschaft. Salander atmet Andersartigkeit – und die arme Rooney musste viele Tests durchlaufen, bevor ich sicher war, dass sie wie eine kaputte Version von E.T. wirken und einen Panzer um ihre Verletzlichkeit errichten kann – mit weniger Dialog in zweieinhalb Stunden als in viereinhalb Minuten „The Social Network“. Ich selbst habe keinen Schimmer von Schauspielerei und umgebe mich darum mit Leuten, die hohe Arbeitsmoral besitzen und auf nichts als den Blickwinkel ihrer Figuren konzentriert sind. Und von diesem Mädchen könnten auch Veteranen noch viel lernen.

Interview: Roland Huschke

Fotos: Sony Pictures

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