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Ein Interview mit David Fincher

David Fincher

Gegenwärtig könnte David Fincher Facebook ganz gut gebrauchen, denn als er mit dem tip telefoniert, hält er sich fern von seinen Freunden in Stockholm auf. Dort bereitet der 48-jährige Regisseur das englischsprachige Remake von „Verblendung“ vor. Zeitgleich  muss er nun erklären, weshalb er mit „The Social Network“ die wechselvollen Ursprünge des 500-Millionen-Netzwerks Facebook beleuchtet und aus Mark Zuckerberg den Helden einer Hollywood-Produktion macht.

tip Mr. Fincher, nutzen Sie Facebook?
David Fincher Nein, ich neige nicht zu Nostalgie.

tip Interessant – dennoch haben Sie einen Film über die Geschichte dieses Phänomens gemacht.
Fincher Das ist das Verdienst des Drehbuchautors Aaron Sorkin. Ich bekam einen Anruf von Produzent Scott Rudin und der Sony-Studiochefin Amy Pascal. Die meinten, sie hätten ein Projekt über die Entwicklung von Facebook und baten mich, das Skript übers Wochenende zu lesen. Nach der Lektüre dachte ich: „Diesen Film möchte ich sehen.“

tip Was muss ein Film haben, den Sie sehen möchten?
Fincher In diesem Fall dachte ich mir: Das sind sehr intelligente, charismatische, komplexe, gut geschriebene Charaktere. Jeder davon hatte seinen eigenen Standpunkt, den er für richtig hielt. Und es gibt Auseinandersetzungen, wo diese Positionen aufeinanderprallen.

David Finchertip „The Social Network“ ist erstaunlich Dialog-konzentriert. Was interessiert einen Regisseur mit ausgeprägtem Sinn für Bildsprache an so einem Stoff?
Fincher Ich gebe zu, das könnte der Dialog-lastigste Film aller Zeiten sein. Aber das hat auch seinen Reiz: Denn Sorkin interessiert sich dafür, wie Leute miteinander kommunizieren, für die Mechanismen. Ich finde durchaus, dass das im Kino gut funktioniert.

tip Trotzdem sind Sie eher für visuell spektakuläre Inszenierungen bekannt…
Fincher Aber es geht mir nicht ums Spektakel, sondern allein um die Wirkung, die ein Film auf die Zuschauer hat. Mich faszinierte die Möglichkeit, die Geschichte so zu erzählen, dass man sich mit allen Charakteren identifizieren konnte. Es gab Phasen, da wäre ich gern Mark Zuckerberg gewesen, und Phasen, wo ich nicht in seiner Haut hätte stecken wollen. Teilweise wünschte ich, ich wäre so ein guter Freund wie sein Geschäftspartner Eduardo Savarin, und gleichzeitig fand ich auch das gentlemanhafte Verhalten seiner Gegner, der Gebrüder Winklevoss, höchst respektabel.

tip Man hört, Facebook hätte Änderungen durchsetzen wollen.
Fincher Ich kann Ihnen dazu keine Auskunft geben. Ich war persönlich nicht damit konfrontiert; das lief über die Produzenten. Allerdings war mir klar, dass dieser Film ein heißes Eisen anfasst. Deshalb habe ich auch verlangt, dass es keine Vorab-Vorführungen gibt. Denn dann hätten schon Monate vor dem Start Kommentare auf Facebook gestanden. Die Leute hätten uns mit ihren Meinungen keine Ruhe gelassen.

David Finchertip Dass ein solcher Film entstehen konnte, ist auch so ungewöhnlich. Denn im Hollywood-Mainstream sind Geschichten, die von den Charakteren, statt von äußeren Ereignissen angetrieben werden, nicht gerade en vogue.
Fincher Ja, ich weiß, die aktuelle Logik ist es, Filme zu machen, die wie Attraktionen im Vergnügungspark funktionieren. Offenbar ist das notwendig, um die Leute von ihrem Geld zu trennen. Aber nicht jeder Film muss ein Blockbuster sein, nicht alle Geschichten müssen sich um Menschen mit Cape und Strumpfhosen drehen. Es gibt Raum für alle möglichen Projekte, und unseres war auch nicht besonders teuer.

tip Nach zwei Serienmörder-Filmen drehen Sie jetzt mit dem „Verblendung“-Remake den nächsten. Und auch sonst haben Sie Präferenzen für Thriller – siehe „Panic Room“.
Fincher Ja, aber der ist neun Jahre her. „Zodiac“ ist für mich kein Thriller, sondern eher ein Drama. Zugegebenermaßen bietet man mir ständig Thriller an, aber ich drehe nicht mal ein Prozent von dem Material, was ich lese. „Verblendung“ möchte ich deshalb machen, weil mir das Studio völlige künstlerische Freiheit zugesichert hat. Aber ich versichere Ihnen – ich will kein Alfred Hitchock werden.

tip Und wird es je eine Komödie von David Fincher geben?
Fincher Eigentlich habe ich das Gefühl, ich hätte die mit „The Social Network“ gerade gedreht.

Interview: Rüdiger Sturm

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