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Ein Interview mit den Coen-Brüdern

Die Coen-Brüdertip In welchem Zusammenhang steht der Prolog von „A Serious Man“ – zehn Minuten jiddische Folklore mit übernatürlichen Ele­menten – zum Rest des Filmes, der vom Zusammenbruch der kleinen Welt eines Professors in den späten Sechzigern erzählt?
Ethan Coen Wir haben beide zuletzt viel von Isaac Bashevis Singer gelesen, weil uns seine traditionellen Geschichten und ihre ei­gentümlichen Erzählstrukturen interessieren. Die einzig bewuss­te Verbindung von Prolog und Film besteht wohl darin, dass jüdische Kommunen in Osteuropa früher ebenso hermetisch von einer fremden Umgebung abgetrennt waren wie im Mittleren Westen der USA. Erst als der Film fertig war, fiel uns auf, wie wichtig der Prolog aber auch für das Folgende ist: Der Vorfilm macht vom ersten Motiv an glasklar, dass nun eine spezifisch jüdische Story beginnt. Es wäre ein anderer Film, wenn er in den Sechzigern beginnen würde. Aber das ist wirklich eine Analyse im Nachhinein, während des Drehs ist uns das nie in den Sinn gekommen. Es fühlte sich einfach richtig an, beides zu kombinieren.
Joel Coen Die Leute glauben immer, wir würden uns über so etwas wirklich den Kopf zerbrechen. Aber wenn wir Drehbücher schreiben, ist unser Bauchgefühl immer das entscheidende Kriterium. Jeder Film entwickelt seine eigene Stimme, und während wir uns da durchnavigieren, passen wir immer höllisch auf, dass sich nicht plötzlich ein anderer Tonfall einschleicht. Manchmal führt ein sonst vielversprechendes Skript in eine Sack­gasse.
Ethan Coen Dann legen wir es weg, und es verstaubt. Es sei denn, die Stimme ist so stark, dass sie uns zurückruft. „Barton Fink“ etwa haben wir geschrieben, als wir bei der Arbeit an „Miller’s Crossing“ an einer Schreibblockade litten und den Stoff ein Jahr in der Schublade ließen.

Die Coen-Brüdertip Sie haben „A Serious Man“ in Minneapolis sozusagen an der Stätte Ihrer Jugend gedreht und private Anekdoten in den Plot gearbeitet. Zugleich wollen Sie den Film nicht als autobiografisch verstanden wissen. Wie geht das zusammen?
Ethan Coen Es ist sicher unser persönlichster Film, aber was wir selbst erlebten, diente nur als Inspiration, um eine Story zu erfinden, mit der wir uns viele Freiheiten genommen haben. Zum Beispiel mussten auch wir für unsere Bar-Mitzwa-Prüfung büffeln und sind vor Langeweile gestorben – aber im Gegensatz zu den Kids im Film waren wir bei der Zeremonie nicht bekifft.
Joel Coen (lacht) Was uns jetzt natürlich kein Mensch glaubt. Aber innerhalb der Story funktioniert es, und die Story steht über allem, was wir als Filmemacher anstellen. Interpretationen wollen wir am liebsten gar nicht kommentieren, denn es macht mehr Spaß, etwas zu kreieren, als es zu erklären. Ganz sicher nur wollten wir auch hier kein großes Statement zum Leben oder zur Gottesfürchtigkeit abgeben.

tip War es dennoch therapeutisch, sich mit Ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen?
Joel Coen Also, ich fühle mich jetzt nicht besser als vor dem Dreh.
Ethan Coen Ich glaube, dass keiner von uns ein Bedürfnis nach Therapie hat. Richtig ist allerdings, dass man eine merkwürdige Emotionalität verspürt, die etwas anderes ist als Nostalgie oder Melancholie, wenn man an Orte der Kindheit zurückgeht. Wären wir seit 35 Jahren nicht in Minnesota gewesen, hätte uns die Produktion vielleicht umgehauen – doch wir haben dort auch schon „Fargo“ gedreht und besuchen oft unseren Vater.

tip Die Hauptfigur zweifelt zwi­schenzeitlich schwer an ihrem Glauben. Wie religiös wurden Sie erzogen?
Joel Coen Unsere Mutter wuchs in einem orthodoxen Haushalt auf und versuchte, ihre Werte und Traditionen an uns weiterzugeben. Mit mäßigem Erfolg. Wir haben uns eher an unserem Vater orientiert, der Universitätslehrer an einer Wirtschaftsfakultät war und dessen Sprache wir besser verstanden.

tip Ohne zu viel zu verraten: Das Ende von „A Serious Man“ ist ähnlich radikal wie bei „No Country for Old Men“. Wollen Sie die Erwartungen der Zuschauer bewusst durchkreuzen?
Joel Coen Der Witz ist, dass es aufgeregte Debatten gibt, wann immer ein Film am Ende ungelöst bleibt, während Projekte mit einem klassischen Schluss wie „Ladykillers“ oder „Intolerable Cruelty“ wenig Liebhaber finden. Wie schon eingangs gesagt: Die Story bestimmt alles. Manchmal wissen wir beim Schreiben selbst bis zur letzten Seite nicht, wie die Geschichte ausgeht. Und wenn sie vor der Zielgerade nochmals eine scharfe Linkskurve nimmt, die bei manchen zu Verwirrung führt, ist das unsererseits keine Absicht.
Ethan Coen Wir haben kein Interesse daran, Zuschauer zu erziehen oder zu irritieren. Wir folgen einfach nur dem Weg, der uns am interessantesten und im Kontext der Story am glaubwürdigsten erscheint. Das Leben hat schließlich auch selten sauber voneinander getrennte Kapitel.

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