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Ein Interview mit Derek Cianfrance zu „The Place Beyond The Pines“

The Place Byond The Pines

tip Herr Cianfrance, in „The Place Beyond the Pines“ (Kinostart: 13. Juni) erzählen Sie eine Geschichte von Kriminalität und ihren Langzeitfolgen, die das erzählerische Gewicht eines großen Romans hat. Wie kam es nach der Intimität von „Blue Valentine“ zu diesem ambitionierten Projekt?
Derek Cianfrance Eine Motivation war sicher meine Allergie gegenüber Gewaltexzessen im Kino. Ich weiß nicht, wann es zum schicken Kabinettstückchen erklärt wurde, doch wenn ich noch einen Film sehen muss, in dem eine Kugel in Superzeitlupe ein menschliches Gehirn zerreißt, dann muss ich mich übergeben. Schon im amerikanischen Nachmittagsfernsehen, wenn ich mit den Kindern Football sehe, geht es in den Werbeblöcken exzessiv zu. Den Ursprung mag Sam Peckinpahs Arbeit geliefert haben, doch bei ihm ritt man mit den Figuren ins Höllenfeuer und spürte ihr Leiden. Die Nutzung von Waffen im modernen Hollywood ist oft nur noch verantwortungsloser Effekt, und am liebsten wäre ich in „The Place Beyond the Pines“ komplett ohne Schüsse ausgekommen. Doch es ist eine Räuber-und-Gendarm-Geschichte, an der mich die Ereignisse, das Adrenalin und die Sekundenentscheidungen interessierten, die zu einem gewalttätigen Akt führen – und am Nachhall, den so ein Unglück für Generationen haben kann.

tip Die strikt chronologische Erzählung gibt dem Film einen epischen Atem.
Derek Cianfrance Nicht wenige Leute wollten mich zu Parallelmontagen а la Iсбrritu überreden – ein grandioses kinematographisches Mittel seit D.W. Griffith, von „Der Pate“ bis zu „Star Wars“. Doch ich selbst habe schon in „Blue Valentine“ mit versetzten Erzählebenen gearbeitet. Und vor allem erschien es mir als mutigste Entscheidung, chronologisch zu arbeiten. Denn wessen Leben je von Gewalt gekreuzt wurde, der weiß, dass man nie mehr in die Zeit davor zurück kann. Ein Trauma wie ein Mord prägt für immer.

The Place Byond The Pinestip Und kann die Nachgeborenen wie ein schweres Erbe belasten.
Derek Cianfrance In Amerika bestimmt. Schon der spezifische Umgang mit Waffen und Gewalt ist ein Erbe, das in unseren amerikanischen Stämmen an die Jungen weitergegeben wird. Die Entscheidung, das wir in diesem Land aufeinander schießen können, wurde lange vor unserer Zeit getroffen. Gewalt ist ein Vermächtnis unserer Nation.

tip Dem alles verändernden Unglück Ihres Plots geht eine Reihe von Banküberfällen durch einen Motorradexperten voraus, die allerdings auch sehr cool inszeniert sind. Hat Kriminalität im Kino eine zu unwiderstehliche Anziehungskraft?
Derek Cianfrance Eigentlich habe ich alles versucht, um die Überfälle realistisch zu zeigen. Im Kino sind doch Bankräuber sonst immer perfekt und präzise, das Leben aber ist chaotisch. Ich besetzte Bankangestellte, die im wahren Leben tatsächlich Raubopfer gewesen waren. Doch weil Ryan Gosling den Täter spielte und nun mal ein Filmstar ist, schauten alle ganz glücklich, wenn er die Szene betrat. Die ersten Einstellungen waren ein Desaster – und das, während wir minutenlang ohne Schnitt drehten, wie Ryan die Bank überfällt und panisch durch fließenden Verkehr flüchtet. Ich liebe lange Szenen, in denen das Schauspielern endet und instinktives Verhalten beginnt, und so knackten wir das Problem schließlich auch. Ich sagte Ryan, dass er alles Geprobte vergessen und den Statisten Angst machen müsse. Beim 15. Versuch war er nur noch verzweifelt am Drohen und schrillen Kreischen – und der letzte Anlauf ist nun im Film.

tip Das Drama gilt als aussterbendes Geschäft in Hollywood. War es schwer, „The Place Beyond the Pines“ zu realisieren?
Derek Cianfrance Ich schätze, der nächste Film wird schwerer, was immer es sein wird. Nach „Blue Valentine“ hatte ich noch das Glück, auf viel Wohlwollen und potenzielle Unterstützer zu treffen. Es gab eine Reihe interessanter Angebote, doch ich wollte wieder etwas Persönliches drehen, das mich verletzlich fühlen lässt. Erfolg ist schön, kann aber unmöglich Teil eines Kalküls sein, wenn man es richtig macht. Wo keine Furcht beim kreativen Prozess besteht, fühle ich mich nicht am richtigen Platz. Es ist meine Definition von Mut, sich Ängsten zu stellen, und solche Menschen ziehen mich auch an. Als mir für „Pines“ etwa Bradley Cooper in einer Schlüsselrolle vorgeschlagen wurde, dachte ich nur: Bitte, der Typ aus „Hangover“? Aber dann traf ich Bradley, lange vor „Silver Linings Playbook“, und merkte sofort, dass er mit etwas ringt und unter Druck steht wie ein kochender Kessel, bei dem nur jemand den Deckel heben muss.

The Place Byond The Pinestip „The Place Beyond the Pines“ ist auch Ihr zweiter Film mit Ryan Gosling, der in den Jahren seit „Blue Valentine“ zu einer Popkultur-Ikone wuchs. Ist das der letzte Trick gegen Hollywoods Risikoscheu? Wenn sich begehrte Stars und hungrige Regisseure wiederholt verbünden?
Derek Cianfrance Ryans Name hilft sicher bei der Finanzierung, doch auch er kommt nur in Frage, wenn eine Rolle wirklich zu ihm passt. In diesem Fall möchte ich fast an Schicksal glauben, kein Scherz. Schon 2007 saßen wir bei einem Dinner, und ich fragte ihn, was er bei all seinen Erfolgen gern mal ausprobieren würde. Er erzählte von dieser irren Fantasie, mal eine Bank zu überfallen, mit einem Motorrad als Fluchtfahrzeug, er hatte sich einen ausgetüftelten Plan ausgedacht. (lacht) Ich konnte es kaum fassen, denn schon damals schrieb ich genau an so einer Figur und meinte: Den Traum erfülle ich dir, ohne dass du danach in den Knast musst.

tip Es gibt zu Beginn eine unglaubliche Sequenz, in der die Kamera Gosling minutenlang folgt, bevor er in einem Jahrmarkt-Käfig halsbrecherisch Motorrad fährt. Wo ist da der Schnitt von Schauspieler auf Stuntman?
Derek Cianfrance Wissen Sie sicher, dass es einen Schnitt gibt? Ich verrate jedenfalls nur, dass wir den Anfang wochenlang geplant haben. Ich denke, die ersten fünf Minuten eines jeden Filmes trainieren den Zuschauer für alles Folgende und aktivieren seine emotionale Beteiligung – und wegen der epischen Breite unserer Geschichte wollte ich auch eine epische Eröffnung. Viele meiner Lieblingsfilme nutzen dieses Mittel vorzüglich, denken Sie an „Im Zeichen des Bösen“, „The Player“ oder „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“. Und wenn wir Ryan das erste Mal sehen, in seiner Rolle, wird hoffentlich gleich wortlos der Bruch seiner Persönlichkeit transportiert. Er ist trainiert, trägt Messer und Tattoos, offensichtlich ein gefährlicher Mann, der sich bewegt wie ein Panther. Er könnte jetzt jemanden töten, und niemand wäre überrascht, doch dann macht er nur seinen Job. Der Outcast als amerikanischer Mythos, von dem schon die Shangri-Las sangen, dass man sein weiches Herz finden wird, wenn man ihn erst besser kennt.

Interview: Roland Huschke

„The Place Beyond the Pines“ startet am Donnerstag, den 13. Juni in den deutschen Kinos.

Lesen Sie hier die Filmkritik: „The Place Beyond The Pines“ im Kino in Berlin

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