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Ein Interview mit Dustin Hoffman zu seinem Film „Liebe auf den zweiten Blick“

Dustin Hoffmantip Mister Hoffman, warum sind Sie eigentlich nur noch so selten in einer Hauptrolle zu sehen, wie jetzt in „Liebe auf den zweiten Blick“?
Dustin Hoffman Ehrlich gesagt, bei mir ruft schon seit Jahren niemand mehr an, der mir einen großen Film anvertrauen will. Eine Zeit lang hatte ich ja diesen Status, aber nun bin ich wieder dort, wo ich meine Karriere begonnen habe: in der Abteilung der Charakterschauspieler. Worüber ich aber nicht ernsthaft betrübt bin, schließlich eröffnet mir das den Zugang zu wunderbaren, kleinen Personenstudien wie in „Wenn Träume fliegen lernen“ oder „Das Parfum“.

tip Haben Sie „Liebe auf den zweiten Blick“ auch deswegen gedreht, weil Liebesgeschichten aus der Mitte des Lebens eine Rarität sind?
Hoffman Das war ein Grund. Auch wenn ich vor Nacktszenen lieber Abstand genommen habe, stört es mich, dass Romanzen im Kino ein Privileg der Jugend sind. Es ist fast ein Tabu, ältere Leute bei der Balz zu zeigen, weil sich schließlich auch niemand vorstellen mag, wie die Großeltern Sex miteinander haben. Tja, da hätte ich Neuigkeiten: Sie tun es, und sie tun es gern, oft und schmutzig (lacht).

tip Der Film zeigt am Beispiel Ihrer Figur Harvey Shine sehr rührend, was passiert, wenn jemand überflüssig und ausgemustert wird aus der Wirtschaftswelt.
Hoffman Richtig, und Harvey kann sich nicht anders helfen, als seine Abwehrwaffen zu aktivieren. Er verschließt sich. Wir alle kennen solche Erfahrungen – man wird tief verletzt im Leben und tut alles, um ähnliche Situationen zu vermeiden, weil der Schmerz beim ersten Mal zu stark war. Doch dadurch errichten wir auch ein Gefängnis, dessen Ketten ich im Film nur durch die Hilfe einer Frau sprengen kann, die meinen Panzer zuvor durchdrungen hat.

tip Mit Emma Thompson wollten Sie dem Vernehmen nach sofort wieder arbeiten, nachdem sie beide vor drei Jahren in „Stranger Than Fiction“ einige Szenen miteinander gedreht hatten.
Hoffman Wir hatten sofort ein freundschaftliches, blind vertrauendes Verhältnis zueinander, wie ich es in über 40 Jahren Schauspielerei noch mit keinem Kollegen erlebt habe. Sie hat dann dieses Projekt gefunden, und die Arbeit war der pure Himmel, weil wir ein Experiment wagen und über weite Strecken improvisieren durften. Wir durften uns quasi vor laufender Kamera besser kennenlernen und haben unsere Gedanken und Erfahrungen in die Dialoge gesteckt. Bestimmt gab es noch nie einen Film, in dem ich so viel von mir auf der Leinwand gezeigt habe.
tip Zum Beispiel?
Hoffman Meine Figur träumt davon, Jazzpianist zu sein, und genauso ging es mir in meiner Jugend, doch ich hatte einfach nicht genug Talent. Oder die Szene, in der ich eine Rede auf der Hochzeit meiner entfremdeten Tochter halte: Da war kein Wort aufgeschrieben, und ich bat um den Einsatz mehrerer Kameras, weil ich nicht wuss­te, ob ich eine so private Szene noch einmal würde spielen können.

tip Wie in dem berühmten Scheidungsdrama „Kramer gegen Kramer“, in dem Sie vor 30 Jahren spielten, geht es in dieser Sequenz um das schwierige Verhältnis von Eltern zu Scheidungskindern.
Hoffman Ich fühlte mich beim Drehen von „Liebe auf den zweiten Blick“ auch wiederholt an meine erste Scheidung erinnert, weil der Schmerz noch so präsent ist. Ich denke nie über die Zukunft nach und mühe mich, in der Gegenwart zu leben, doch zugleich reflektiere ich mein ganzes Leben, meine Vergangenheit. Etwas Härteres als meine Scheidung habe ich nie erlebt. Es ist ja nicht so, dass die Liebe aufhört, wenn sie echt war – vielmehr können zwei Liebende auf einmal nicht mehr unter dem gleichen Dach leben, die Luft zum Atmen geht aus, man versteht es nicht, und dann kommen Wut und Verletzungen hinzu. Kinder werden in solchen Szenarien zur Waffe – und was in meiner Tochter vorging, als ihr Elternhaus damals zerrissen wurde, konnte sie mir erst sagen, als sie bereits erwachsen war.

tip Was glauben Sie, würde der 20-jährige Dustin Hoffman von Ihrem heutigen Selbst halten?
Hoffman Wir kämen wunderbar miteinander aus, glaube ich – mein jüngeres Ich würde nur staunen, wie weit ich es gebracht habe. Als ich mit Freunden wie Gene Hack­man und Robert Duvall begann und wir in einer billigen WG lebten, waren wir allesamt davon überzeugt, dass wir niemals unseren Lebensunterhalt als Schauspieler verdienen könnten. Weil wir zu unkonventionell waren, weil wir aussahen wie Kabelträger und bestimmt nicht wie Filmstars.

tip Gibt es etwas, um das Sie junge Kollegen beneiden?

Lesen Sie das vollständige Interview in tip 09/09 auf den Seiten 30-32.

Interview: Roland Huschke

Lesen Sie hier: Dustin Hoffman und Emma Thompson in „Liebe auf den zweiten Blick“

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