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Ein Interview mit Filmregisseur David Fincher

David Finchertip Mr. Fincher, warum halten Sie uns für pervers?
David Fincher (lacht) Wenn Sie so fragen, haben Ihnen vermutlich meine früheren Filme gefallen. Ich habe eine Standard-Antwort für jeden, der sich mir gegenüber als Fan von „Sieben“ oder „Fight Club“ ausgibt: Wie entzückend, einen anderen Perversen zu treffen.

tip Ihr neuer Film „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ ist die zärtliche Geschichte eines rück­wärts alternden Mannes und hat auf den ersten Blick wenig mit Ihrem bislang sehr düsteren Schaffen gemein. Ihr Outing als Romantiker?
Fincher Wenn ich ein paar Jahre meines Lebens in ein Projekt inves­tiere, leiten mich bei der Entscheidung zwei Grundgedanken. Habe ich etwas zu erzählen, was ich zuvor noch nicht gesagt habe? Und: Ist das ein Film, den ich selbst gern sehen möchte? So einfach ist das. An Eric Roths Drehbuch zu „Benjamin Button“, das über die letzten 15 Jahre immer wieder in verschiedenen Fassungen meinen Weg kreuzte, beeindruckte mich vor allem, was er über Beziehungen zu erzählen hatte. Ich bin ein ausgesprochener Verächter von Hollywood-Romanzen, in denen das unreife Bild von Menschen gezeichnet wird, die ohne einander nicht leben können. Das ist vielleicht für Teenager glaubhaft, aber für Erwachsene ist gegenseitige Abhängigkeit ein trauriges, krankes Ideal. Die Liebenden in „Benjamin Button“ können indes sehr wohl ohne einander existieren, und nichts an ihrem Schick­sal ist vorgezeichnet. Sie leben ohne Furcht vor dem Verlust, und diese Stärke schien mir wert, ergründet zu werden.

tip Hätten Sie solch einen reifen Film auch zu Beginn Ihrer Karriere drehen können?
Fincher Na klar.

tip Tatsächlich? Es stand zu lesen, dass erst der Verlust Ihres Vaters vor wenigen Jahren ein Schlüssel zum Verständnis des Materials gewesen sei.
Fincher Ich habe gerade eben etwas flapsig gemeint, dass ich technisch auch zu meinen Anfängen in der Lage gewesen wäre, Benjamins Geschichte zu erzählen, auch wenn wir damals mit Schauspielern un­terschiedlichen Al­ters hätten arbeiten müssen, statt Brad Pitt so jung wie ein Baby und so alt wie einen Greis aussehen zu lassen. Aber es stimmt: Der Tod ist hier der heimliche Hauptdarsteller, und wenn sein Schatten nicht in jedem Bild steckt, habe ich etwas falsch gemacht.

tip Was meinen Sie damit?
Fincher Als junger Mann habe ich nahe eines Altersheimes gelebt. Und jedes Mal, wenn ich um vier Uhr morgens zu einem Werbedreh aufgebrochen bin, habe ich gesehen, wie die Leichen verstorbener Anwohner heimlich weggekarrt wur­den. Wir Amerikaner haben ein absurdes Verhältnis zum Tod und sprechen panisch vom tragischen Verlust eines Lebens, anstatt das Sterben als eine uns alle verbindende Erfahrung zu würdigen und es nicht zu verdrängen.

tip Wie ist es Ihnen gelungen, Benjamins physische Veränderun­gen in Gesicht und Körper Brad Pitts zu zeigen, ohne dass man das Gefühl hat, von Spezialeffekten erschlagen zu werden?
Fincher Ehrlich gesagt, wusste ich noch lange nach Produktionsende nicht, ob wir das hinbekommen würden. Es war ein Spiel auf Risiko. Ich musste beim Dreh darauf achten, immer Ausweichszenen zu haben, die wir hätten nehmen können, falls Benjamin am Ende so künstlich ausgesehen hätte wie eine Videospielfigur. Nehmen Sie nur die Szene, wenn er mit seinem greisen Körper in der Badewanne liegt und dabei erst ein paar Jahre alt ist. Der verantwortliche Effektdesigner sagte mir vor drei Jahren, dass wir dies unmöglich zeigen könnten, und ich antwortete ihm nur: „Fuck you, you’re gonna die trying!“ (lacht) – dann wirst du das versuchen, bis es klappt. Wir mussten einfach eine Technik erfinden, die es bei Drehstart noch nicht gab. Und nur weil wir wirklich alle eine unglaubliche Leidenschaft für die Story hatten, haben wir uns von den ganzen Fehlstarts nicht entmutigen lassen.

tip Sie sind als Perfektionist berühmt-berüchtigt dafür, Ihre Schau­spieler mit unzähligen Einstellungen zu fordern. Gilt das eigentlich auch für eine Oscar-Preisträgerin wie Cate Blanchett?
Fincher (stöhnt entnervt) Ich arbeite nicht mit vielen Takes, weil meine ausgewählten Akteure nicht schauspieltechnisch auf der Höhe ihrer Kunst wären, im Gegenteil. Sondern einer der Vorteile, warum ich inzwischen nur noch digital drehe, ist die eklatante Zeitersparnis, die es mir ermöglicht, so viele Versuche wie möglich zu haben. Welchen Sinn hätte es, weit über 100 Millionen Dollar auszugeben, nach New Orleans zu fahren, einen Set und all die Statisten einzukleiden – um dann nur zwei Einstellungen zu drehen und zum nächsten Motiv zu ziehen.

tip Tauschen Sie sich mit Kollegen wie Clint Eastwood aus, denen zwei, drei Einstellungen pro Szene genügen?
Fincher Das ist deren Stil, den ich respektiere. Aber ich habe als Vorbild eher Stanley Kubrick im Kopf, der Jack Nicholson beim „Shining“-Dreh 90 Mal von seiner Schreib­maschine aufblicken ließ – und ich wette mit Ihnen, dass der 90. Take nachher im Film war, weil er die dunklen Kräfte, die unter gewöhnlichen Beziehungen lauern, am bes­ten repräsentierte. Ich bin kein Masochist, wenn ich meine Crews und mich bis zur Erschöpfung fordere:?Ich schulde es dem Stoff, das Maximum an Auswahlmöglichkeiten herauszuholen.

tip Macht es Sie nervös, dass Ihr Film als Favorit ins diesjährige Oscar-Rennen geht?
Fincher Mein Ego ist nicht groß genug, um Druck zu verspüren. Ich versuche mich nicht auch noch unglücklich zu machen, indem ich über Dinge grübele, die ich nicht kontrollieren kann. Ich wünsch­e mir vielmehr, dass der Film aus den richtigen Gründen gemocht wird. Lieber sollen ihn Leute zerreißen, die den Subtext der Story verstehen, als dass er von Zuschauern geliebt wird, die keine verdammte Ahnung haben.

Interview: Roland Huschke

Lesen Sie hier: Die Filmkritik zu „Der seltsame Fall des Benjamin Button“.

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