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Ein Interview mit Filmregisseur Wes Anderson

Wes Anderson

tip Mr. Anderson, „Der fantastische Mr. Fox“ ist Ihr erster Trickfilm, abgesehen von den kleinen, animierten Sequenzen in „The Life Aquatic With Steve Zissou“ oder in „The Royal Tenenbaums“. Welchen Reiz hat die Stop-Motion-Technik für Sie?
Wes Anderson Ich war schon immer ein Fan des Animationskinos, wobei es mich eher zu analogen Produktionen wie „Watership Down“ oder zu den Arbeiten von Hayao Miyazaki zieht. Beim Digitalkino gefallen mir auch die Sachen von Pixar, aber für mich als Regisseur ist Stop-Motion das schönste Mittel, um eine Geschichte zu erzählen. Die Form ist absolut altmodisch, was aber auch bedeutet, dass das Publikum heute für viele der wunderbaren Filme von Ray Harryhausen etwa kaum noch die Geduld hätte. Aber die Magie in den Bildern, die so freigesetzt wird, ist unvergleichlich! Ich habe schon zehn Jahre darüber nachgedacht, einen Animationsfilm zu drehen. In „The Life Aquatic …“ habe ich das Handwerkliche geübt, um für eine vollständige Produktion gerüstet zu sein.

tip Sie haben also erst die Technik erlernt, bevor Sie einen passenden Stoff hatten?
Anderson Nein, mit Roald Dahls Buchvorlage bin ich bereits seit meinem siebten Lebensjahr vertraut. „Fantastic Mr. Fox“ hat mich als Kind schwer beeindruckt – nicht nur, weil es das erste Buch war, das mir im ganzen Haus allein gehörte (lacht). Die Idee zu einem Animationsfilm war immer mit dieser Stoffwahl verbunden. Die Dahl-Erben habe ich erstmals vor zehn Jahren kontaktiert, um mir die Rechte zu sichern. Da hatte ich die Entscheidung für „Fantastic Mr. Fox“ innerlich schon längst getroffen. Aber an einen besonderen, zündenden Moment kann ich mich gar nicht mehr erinnern, so sehr bin ich inzwischen mit dem Material verwachsen.

Wes Andersontip Im Original werden Ihre Figuren von George Clooney, Meryl Streep oder Bill Murray gesprochen. Wie haben Sie diese Stars dafür gewonnen?
Anderson Auf die traditionelle Weise: Ich habe ihnen das Drehbuch geschickt und sie danach so lange gelöchert, bis sie nicht mehr ablehnen konnten (lacht). An solche Schauspieler kommst du nur, wenn sie unbedingt etwas von dir wollen. Hohe Honorare haben meine Produktionen nicht zu bieten, also muss ich mit unwiderstehlichen Figuren aufwarten. Es gibt auch Absagen, aber zum Glück bekomme ich meist die Leute, die ich mir so vorstelle. Da geht es nicht nur um Stimmen, sondern um echte Performances mit allen Schattierungen. Wir haben das Drehbuch in einer Art Sommercamp über Tage und mit verteilten Rollen zusammen gelesen, und die Schauspieler interpretierten ihre Rollen wie auf einer Theaterbühne. Wenn man davon einen Film hätte, wäre er auch sein Eintrittsgeld wert – einige Proben werden auf der DVD enthalten sein. Für „Fantastic Mr. Fox“ haben wir den Ton jedenfalls live mitgeschnitten, manchmal auch draußen im Wald oder am Fluss, statt die Schauspieler einfach ins Studio vors Mikrofon zu stellen.

tip Haben Sie die Buchrechte ohne Probleme bekommen?
Anderson Um ehrlich zu sein, war das zweitrangig, als ich Roald Dahls Witwe Lizzie das erste Mal traf. Ich bin ein langjähriger Bewunderer von Dahls Arbeit, der ja nicht nur Kinderbücher, sondern auch sehr emotionale und berührende Memoiren verfasste. Ich kannte also den Ort meiner Gespräche mit Lizzie schon aus Büchern und war mehr Fan als Geschäftspartner. Die Rechte gingen irgendwann ganz selbstverständlich über den Tisch. Zum Schreiben des Drehbuches habe ich mich mit meinem Co-Autor Noah Baumbach später sogar so oft wie möglich auf Dahls Anwesen zurückgezogen, um seinen Geist ein wenig einzufangen.

Wes Andersontip Fühlten Sie sich beim Schreiben eingeschränkt, weil Ihre Zielgruppe aus Kindern bestand?
Anderson Natürlich war Noah Baumbach und mir immer bewusst, für wen wir den Film machen. Es geht um sprechende Tiere, es gibt keine Begrenzung bei der Altersfreigabe und Kinder lieben dieses Buch seit Generationen – das waren die Parameter. Darüber hinaus aber waren wir sehr frei beim Adaptieren und machten, was uns gefiel und mit Roald Dahls Stil korrespondierte. Der Humor durfte ruhig etwas bissiger sein und auch ein Witz über Schwangerschaften war kein Tabubruch. Am Ende musste der beste Film herauskommen und ich denke, dass sich auch Erwachsene in dieser Welt verlieren werden.

tip Waren Sie sich beim Drehen bewusst, dass Ihr Stil den Film doch wieder unverkennbar prägen würde?
Anderson Nein, ich dachte immer nur daran, Dahl treu zu bleiben und die Geschichte so unterhaltsam, energiegeladen und interessant wie möglich zu erzählen. In meinen Realfilmen neige ich eher zum Innehalten und Reflektieren, da steht die Welt für meine Figuren manchmal still und man erlebt sie wie unter einer Glasglocke. Aber dass man in diesem Fall meine Handschrift spürt, liegt allein schon daran, dass Dahl Brite ist und Noah und ich zwei Amerikaner sind. Wir stellten uns zwar immer vor, dass die Story in England spielt, aber unsere Interpretation ist eindeutig amerikanisch geprägt.

Interview: Roland Huschke

Lesen Sie das vollständige Interview in tip 11/10 auf den Seiten 48-50.

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Der fantastische Mr. Fox“ im Kino in Berlin

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