Kino & Stream

Ein Interview mit Florian Henckel von Donnersmarck

Florian Henckel von Donnersmarck bei den Dreharbeiten zu

tip „The Tourist“ lässt uns mit großen Augen auf die große Welt blicken. Wessen Augen sind das? Ihre eigenen?
Florian Henckel von Donnersmarck Jemand hat einmal gesagt, dass jede Form von Kunst und Kultur nur dann funktioniert, wenn sie als Geschenk verstanden wird. Mir war es deswegen zum Beispiel sehr wichtig, dass der Film an Weihnachten herauskommt. Ich möchte den Menschen, die das ganze Jahr mindestens so hart gearbeitet haben wie ich – und man weiß ja, was es für ein schwieriges Jahr war –, ich möchte denen eine Reise ohne irgendwelche Kompromisse ermöglichen, mit den zwei berauschendsten Menschen, die ich mir vorstellen kann, an dem Ort, der mich von Kindheit an am meisten beeindruckt hat, nämlich Venedig. Ich sehe den Film als mein Weihnachtsgeschenk an das Publikum, etwas Festliches, eine Feier des Lebens. Es ist ja auch an dem Film nichts unecht, es sind nur Originalschauplätze, es ist nichts digital Dahingedoktertes darin.

tip Sie inszenieren Angelina Jolie als ein überirdisches, ikonisches Wesen, bei dem man sich fragen könnte, wie ein Normalsterblicher da überhaupt den Mut fassen kann, sich zu verlieben.
Florian Henckel von Donnersmarck Absolut. So weit weg, wie Johnny Depp und uns diese Frau vorkommt, weil sie so fantastisch ist, so kamen mir den Großteil meines Lebens die Frauen nun einmal vor: als unerreichbare, zu perfekte, erotische Kreaturen. Wenn ich es eigentlich so recht bedenke, ist das immer noch so. Deswegen fand ich es gerade so reizvoll, diese perfekte Kreatur zu schildern, die sich dann aber plötzlich wie ein sexuelles Raubtier auf den Mann stürzt und ihm die ganze Arbeit abnimmt. Man kennt die Situation: Man sitzt in einem Flugzeug, dann kommt eine sehr schöne Frau und setzt sich meistens natürlich nicht neben einen, aber wenn doch, dann stellt man halt genauso unbeholfene Fragen wie Johnny Depp und kriegt kurze, abwehrende Antworten, weil schöne Frauen ein ganzes Leben darauf getrimmt werden, Männer wie uns abzuweisen. Für Johnny Depp erfüllt sich ein Traum, weil diese Frau sehr viel weiter gehen will – dass sie dafür ein anderes Motiv hat, das ahnt er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

tip Sie haben auch einen Drehbuchcredit für „The Tourist“. Wie haben Sie sich zur französischen Vorlage verhalten?
Florian Henckel von Donnersmarck Ich habe das Original gar nicht gesehen, ich wollte nicht etwas nachempfinden, was jemand anderer schon gemacht hatte. Für mich ist die Wendung am Ende ein kleines Augenzwinkern. Nicht mehr. Ich wollte den Film so konzipieren, dass ein Arzt, auch wenn er fünf Minuten vor dem Ende wegmuss, nicht das Gefühl hat, etwas verpasst zu haben. „The Tourist“ ist ein hoffentlich schöner Ritt oder vielmehr Flug durch das Schönste, was unsere Welt zu bieten hat, und der Inhalt ist eigentlich zweitrangig.

Dreharbeiten zu tip Das „Bigger than life“, das man immer wieder mit Hollywood verbindet, betraf im Grunde schon „Das Leben der Anderen“. Eine gewisse Idealisierung zugunsten dramatischer Zuspitzung und Überhöhung hat man Ihnen gelegentlich vorgeworfen.
Florian Henckel von Donnersmarck Mir hat einmal ein DDR-Regisseur gesagt, dass er den Film zwar toll fand, aber trotzdem den Eindruck hatte, dass ich es nicht ganz richtig eingefangen hatte, denn die Realität war langweiliger und alltäglicher. Die Realität, das waren Grillpartys im Vorgarten, und das hätte ich nicht gezeigt. Das wollte ich aber auch nicht. Ich sagte ihm: Wenn ich einmal einen Film über unsere Gegenwart mache, werde ich sie, ohne zu lügen, genauso überhöhen. Die Frage ist, wie weit geht man, hier bin ich eben ziemlich weit gegangen.

tip Das Problem mit „Das Leben der Anderen“ ist vielleicht, dass er das DDR-Bild so massiv prägt, dass er vielfach wie Geschichtsschreibung rezipiert wird.
Florian Henckel von Donnersmarck Na ja gut, das ist er ja. In letzter Instanz geht es darum: Wie dicht kann man es packen? Ich pack’s halt gerne ziemlich dicht. Das läuft auf eine Geschmacksfrage hinaus, das muss man dann letztendlich auch dem Publikum überlassen. Natürlich kann man nicht alles in zwei Stunden schildern, aber welcher Film ist denkbar, der in zwei Stunden Erzählzeit historisch authentischer ist? Ist es möglich, einen besseren Film über Auschwitz zu machen als „Schindlers Liste“? Sicher, aber wo ist er?

tip Sie haben in den vergangenen drei Jahren auch immer wieder öffentlich zum Kino Stellung genommen und sich dabei zum Beispiel in der Diskussion um „Operation Walküre“ prononciert für das Hollywood-Ideal ausgesprochen, das Sie nun mit „The Tourist“ auch selbst einlösen müssen. Sind Sie aufgeregt?
Florian Henckel von Donnersmarck Man durchläuft in der Herstellung so eines Films so viele Hochs und Tiefs, dass am Ende vielleicht nur noch eine vage Hoffnung da bleibt, dass er gut rezipiert wird. Letztendlich zeigt mir aber meine Beschäftigung mit der Filmgeschichte, dass da so viele Zufälligkeiten mit hineinspielen. Obwohl ich sagen muss, dass ich schon die besten Startbedingungen habe mit zwei sehr beliebten Schauspielern. Was ein Film allerdings wirklich wert ist, weiß man nicht nach den ersten Kritiken und Reaktionen, das weiß man erst fünf Jahre später.

Interview: Bert Rebhandl

Lesen Sie hier die Filmkritik: „The Tourist“ im Kino in Berlin

zurück | 1 | 2

Mehr über Cookies erfahren