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Ein Interview mit Florian Henckel von Donnersmarck

Florian Henckel von Donnersmarck bei den Dreharbeiten zu

tip Herr von Donnersmarck, vier Jahre liegen zwischen „Das Leben der Anderen“ und „The Tourist“. Was hat Sie bewogen, auf das Stasi-Drama nun ein amerikanisches Remake eines französischen Thrillers folgen zu lassen?
Florian Henckel von Donnersmarck Die meiste Zeit habe ich damit verbracht, ein Drehbuch zu schreiben, das ich im Anschluss an die Herausbringung von „The Tourist“ drehen werde. Ich habe aber auch gleichzeitig all die Drehbücher gelesen, die mich erreicht haben, da war aber eigentlich nichts dabei. Als dieses Projekt meines Wegs kam, sah ich die Möglichkeit, einen Film zu machen, der das einfangen könnte, was mich an Hollywood immer gereizt hat: dieser ganz besondere Glanz und Glamour, den man einfach mit europäischen Budgets nicht auf die Leinwand zaubern kann. Das meiste, was Hollywood kann, können wir in Europa ja genauso, nur bestimmte Sachen gehen nicht, einerseits riesige Actionsachen, das ist jetzt nicht so mein Ding, aber auch ein überirdischer Glanz, der einen Film beflügeln kann, fällt uns Europäern schwer. Das interessiert mich eher. Und ich sah auch die Möglichkeit, diesen Stoff Angelina Jolie auf den Leib zu schneidern.

tip Wie müssen wir uns diese Vorbereitungszeit praktisch vorstellen – Sie waren ja überwiegend in Los Angeles, konnte man lesen.
Florian Henckel von Donnersmarck Das erste Jahr nach dem Oscar war ich noch vorwiegend unterwegs mit „Das Leben der Anderen“, und dann blieben noch anderthalb Jahre. Ich habe – hatte, genauer gesagt – eine Agentin in Hollywood: Beth Swofford von der Agentur CAA, die vertritt Regisseure von Peter Weir bis James Cameron. Als die mir pro Woche ein halbes Dutzend Drehbücher weiterleitete, kam ich zu nichts anderem mehr. Ich brauche mindestens vier Stunden für ein Buch, andere lesen so etwas in einer Stunde, und ich denke dann auch, egal, ob es gut oder schlecht war, den ganzen Tag darüber nach. Vorsortieren war auch keine Lösung. Irgendwann hatte ich das Gefühl, die machen das ganz falsch, und bin sogar in eine andere Agentur gewechselt, was ich jetzt in bisschen bedauere, das war einfach eine unnötige Kränkung. Es hat einfach eine Weile gedauert, bis ich verstehe, wie dieser Betrieb funktioniert – ich bin damit ja nicht groß geworden. Bei „The Tourist“ waren dann alle ein bisschen erstaunt: Diese ganzen Sachen hat er abgesagt, und jetzt macht er diesen Stoff. Aber das hatte schon Sinn. Drehbücher sind ja auch Schauspielerköder, und ich wusste, dass ich damit Johnny Depp würde ködern können. Ich wusste, das kann ich in etwas verwandeln, was mich das Jahr, das es braucht, interessiert und am Ball hält.

Florian Henckel von Donnersmarck bei den Dreharbeiten zu tip Sie wollten nicht gleich im dramatischen Fach weitermachen?
Florian Henckel von Donnersmarck Der Film, den ich jetzt danach machen werde, wird von der Tonart her niemand erstaunen, er wird stilistische Ähnlichkeiten zu „Das Leben das Anderen“ haben. Und ich wusste, dass es danach schwer werden würde, etwas Leichteres zu machen, weil ich dann festgelegt wäre auf schwere Dramatik. Ernst Lubitsch machte 1932 ein fabelhaftes Drama in Amerika: „Der Mann, den sein Gewissen trieb“ (Broken Lullaby). Es geht darin um einen Brudermord im Ersten Weltkrieg, das Kommen des Dritten Reiches wird darin schon angedeutet, aber Lubitsch war so festlegt auf leichte Romantik, dass den niemand sehen wollte. Auf der DVD war auch der Kommentar eines Filmkritikers, der beschrieb, wie sehr Lubitsch darunter gelitten hat, so festgelegt zu sein. Und das wollte ich nicht, dass mir das passiert.

tip Kann man über das nächste Projekt schon etwas sagen?
Florian Henckel von Donnersmarck Wir sind am Ende der Vertragsverhandlungen mit einem Studio, danach werde ich das bekannt geben.

tip „The Tourist“ beschwört ein Ideal von Hollywood herauf, ein unzeitgemäßes Filmgefühl, das an internationale High-Class-Thriller der Nachkriegsepoche anschließt. Steckt darin auch eine Kritik am Gegenwartskino?
Florian Henckel von Donnersmarck Ich bin das jetzt nicht als Hommage an eine gute, alte Zeit angegangen. Aber der Explosionsfilm oder der Film mit Monstern oder schleimigen Kreaturen, der momentan in Hollywood dominiert, hat mit dem, was Hollywood wirklich groß gemacht hat, meines Erachtens nicht viel zu tun. Damit wäre nicht das seltsame Gefühl im Herzen zu erklären, das uns alle überkommt, wenn wir das Hollywood-Zeichen sehen. Das ist entstanden dadurch, dass in Hollywood-Filmen diese sensationell attraktiven Menschen auf die glamouröseste Art und Weise an den schönsten Schauplätzen mit einer berückenden Leichtigkeit präsentiert werden. Das wollte ich machen.

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