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Ein Interview mit Frederick Wiseman

Frederick Wiseman

tip Sie haben mit „Ballet“ (1995) schon einmal einen Film über eine amerikanische Ballettcompagnie gedreht. Was war anders?
Frederick Wiseman Als ich damals beim American Ballet Theatre um Erlaubnis zu filmen anfragte, habe ich alle Tänzer – das Corps, die Йtoiles, die Principals – im gleichen Probesaal getroffen. Ich habe erklärt, was ich tun wollte, und habe ihre Fragen beantwortet. Beim Paris Opйra Ballet habe ich mich mit diesen Gruppierungen jeweils einzeln treffen müssen, und jedesmal musste ich das Gleiche wiederholen. Das verdeutlicht ganz gut diese Klassenstruktur, die sich ja auch jenseits des Balletts zeigt. Die Absolventen der Grandes йcoles sind die Leute, die das Land beherrschen.

tip In der Regel scheinen Ihre Filme mehr am Prozess einer Entscheidungsfindung interessiert zu sein als am finalen Resultat. In „La Danse“ zeigen Sie jedoch auch Teile der jeweiligen Bühnenproduktionen. Warum?
Frederick Wiseman Nun, ich wollte einfach zeigen, was das Resultat all dieser Proben war.

tip Glauben Sie denn, dass man den künstlerischen Prozess so darstellen kann, dass ihn der Zuschauer wirklich versteht?
Frederick Wiseman Nein, ich denke nicht, man kann ihn nur andeuten. Der größte Teil eines künstlerischen Vorgangs findet im Kopf statt, vieles ist eher unterbewusst. Ich würde daher nie behaupten, dass man beim Ansehen von „La Danse“ den künstlerischen Prozess versteht, oder dass es dafür überhaupt eine Erklä­rung gibt.

tip Sie recherchieren Ihre Filme nie vorher…
Frederick Wiseman Nein, die Dreharbeiten sind die Re­cherche. Ich habe nur einen Tag im Palais Garnier verbracht, bevor die Dreharbeiten begannen.

tip Ihre Filme sind sehr komplex, sie handeln von der Komplexität des Lebens. Als Zuschauer muss man schon sehr aufpassen…
Frederick Wiseman Tja, ich bin der Anti-Michael-Moore (lächelt). Ich mag es nun einmal nicht, wenn man versucht, mir etwas einzutrichtern, wenn man mir sagt, was ich zu denken habe. Und ich glaube, dass das Publikum intelligent ist und genauso denkt. Meine Filme predigen nie etwas. Allenfalls meine ersten Filme „Titicut Follies“ und „High School“ waren vielleicht ein wenig didaktischer als die späteren.

tip An einer Stelle von „La Danse“ fällt ein Zitat von Maurice Bйjart: „Ein Tänzer ist eine Kreuzung aus einer Nonne und ei­nem Boxer.“ Mittlerweile haben Sie mit „Boxing Gym“ auch einen Film über Boxer gedreht. Haben Sie Gemeinsamkeiten
gefunden?
Frederick Wiseman Sowohl Tänzer als auch Boxer müssen die totale Kontrolle über ihren Körper haben. Außerdem starten sie jung und haben dann kurze Karrieren. In gewisser Weise ist auch „Boxing Gym“ ein Tanzfilm. Natürlich ist Boxen etwas gewalttätiger – aber auch die Tänzer tun ihren Körpern Gewalt an. Wenn ihre Karriere vorbei ist, benötigen sie oft genug neue Knie oder Hüftprothesen.

Interview: Lars Penning

Lesen Sie hier die Filmkritik: „La Danse“ im Kino in Berlin

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