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Ein Interview mit Frederick Wiseman

Frederick Wiseman

tip Mr. Wiseman, der wohl berühmteste fiktionale Tanzfilm „The Red Shoes“ (Die roten Schuhe) spiegelt die ziemlich romantische Idee wider, dass die Kunst unendlich viel wichtiger ist als das wahre Leben. Ich vermute, dass Sie anderer Ansicht sind.
Frederick Wiseman Ich wüsste nicht, warum man überhaupt eine Wahl treffen muss. Nun, vielleicht bis zu einem gewissen Grad: Wie man sein Leben lebt und welche Opfer man für seine Arbeit bereit ist zu bringen. Ein Balletttänzer entscheidet sich für ein ­Leben, das Disziplin, Hingabe und harte Arbeit über eine lange Zeitspanne fordert, da bleibt nicht viel Zeit für andere Dinge. Aber ich finde es total anmaßend, generelle Statements zum Thema Kunst versus Le­ben abzugeben.

tip Die in „Die roten Schuhe“ so wichtige Frage „Warum wollen Sie tanzen?“ scheint aber in Ihrem Film „La Danse“ implizit auch gestellt zu werden. Denn was wir sehen, sind vor allem endlose Proben, der mühevolle professionelle Alltag von Balletttänzern. Das hat nur wenig Romantisches, oder?
Frederick Wiseman Nein, es ist harte Arbeit, und das Ergebnis ist seinem Wesen nach auch noch flüchtig. Egal wie schön es ist, es ist vorbei, wenn der Tanz vorbei ist.

tip Die künstlerische Leiterin des Paris Opйra Ballet, Brigitte Lefиvre, sagt in „La Danse“ einmal, ein Tänzer sei sowohl das Rennpferd als auch der Jockey. Mir kam es jedoch eher so vor, als wäre ein Tänzer ein Instrument, das von anderen Leuten ge­spielt wird…
Frederick Wiseman Nun, die guten Choreografen achten schon auch auf die Meinung der Tänzer. Ganz grundsätzlich aber akzeptieren Tänzer die Idee von Disziplin. Sie wissen, dass Disziplin von Kindertagen an zu ihrer Arbeit dazugehört. Ich habe auch die Tanzschule besucht, die mit dem Paris Opйra Ballet verbunden ist. Immer wenn die Schüler auf dem Flur einem Erwachsenen begegnen, machen die Mädchen einen Knicks und die Jungen tippen sich grüßend an die Stirn. Das ist schon lus­tig, diese Art von Plantagen-Mentalität, aber es spiegelt eben genau diese Disziplin wider. Sie sind bereit, sich der Autorität der Lehrer zu unterwerfen.

Frederick Wisemantip Wie die meisten Ihrer Filme ist „La Danse“ ein Film über eine Institution, in diesem Fall eine sehr hierarchisch strukturierte. Der Film scheint in einer Sequenz zu kulminieren, die eine junge, recht unterwürfig erscheinende Tänzerin im Gespräch mit Brigitte Lefиvre zeigt, die dabei einen ­etwas gönnerhaften Eindruck macht. Sie sind beide ein Produkt dieser Institution, nicht wahr?
Frederick Wiseman Ich glaube nicht, dass Brigitte Lefиvre gönnerhaft ist, ich habe großen Respekt vor ihr. Sie hat einen sehr schweren Job, den sie aus jeder Perspektive kennengelernt hat. Sie war selbst Tänzerin, sie hatte ihre eigene Tanzcompagnie. Ich denke, sie behandelt die Tänzer mit Sensibilität, Intelligenz und Anteilnahme. Aber sie führt eine Compagnie mit 550 Leuten, und sie ist der Boss. Sie ist eine sehr entschlossene Frau. Eine Ballettcompagnie zu führen, ist nun einmal keine Demokratie.

tip Das Thema des menschlichen Verhaltens, das durch die Institution geprägt wird, scheint Sie mehr als alles andere zu interessieren. Handeln Ihre Filme im Kern immer von der Demokratie?
Frederick Wiseman Das ist sicherlich ein Aspekt dieses Films und aller meiner der Filme, aber nicht der einzige. Jede Institution spiegelt immer die Gesellschaft wider, in der sie existiert. Und die Hierarchie dieser Ballettcompagnie hat etwas mit den hierarchischen Aspekten des Lebens in Frankreich zu tun. Das ist ein sehr hierarchisches Land, und die Durchlässigkeit der einzelnen Klassen ist dort weit weniger ausgeprägt als in Amerika.

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