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Ein Interview mit Gerd Kroske

Gerd Kroske

tip Herr Kroske, im Mittelpunkt Ihres Films steht Weimars erste Gruppe von Punks, die Mitte der 1980er-Jahre von der Stasi zerschlagen wurde. Nach der Übersiedlung nach West-Berlin riskierten einige der Punks in einer Kunstaktion 1986 erneut ihre Freiheit an der Mauer. Für einen endete das Spiel mit einer Verurteilung im Osten. 2010 kam heraus: Einer der Freunde hatte in den Jahren zuvor der Stasi Informationen geliefert. Wie sind Sie auf diese Geschichte gestoßen?
Gerd Kroske?Ich kenne Frank Willmann und Anne Hahn (Herausgeber des Buches „Der weiße Strich“, 2011), und die haben mich 2010 damit bekannt gemacht. Mir war klar, dass die Mauergeschichte relativ überschaubar und auserzählt war. Aber dann bekam ich mit, dass es diesen Verdacht gegen Jürgen O. gab, und ich habe mich lange bemüht, ihn von einer Mitwirkung im Film zu überzeugen. Ich habe natürlich begriffen, dass er das als Kommunikation zu den anderen nutzen wollte. Zuschauer des Films entwickeln jetzt oft sehr viel Verständnis für ihn, in einem Maß, das ich oft erstaunlich finde. Würde er das einmal miterleben, würde er wahrscheinlich seinen Freunden oder seinem Bruder viel offener gegenübertreten.

tip Im Buch „Der weiße Strich“ kommt er nur über die Akten vor, über die Berichte der anderen: der erste Punk von Weimar, mit Doppelleben.
Gerd Kroske Das war jemand, zu dem die anderen aufgeschaut haben, ein Local Hero. Nach einem Berlin-Ausflug bekam die Kreisdienststelle der Stasi in Weimar einen Tipp. Es gab einen richtigen Maßnahmenplan, wie sie ihn anwerben würden. Und das schafften sie auch. Wie er sagt, dachte er, er wäre ihnen überlegen. Dann war er da drin. „Für Kohlengeld“, wie er es nennt. Er lieferte regelmäßig Berichte ab, aber wollte später wieder raus. Letztendlich hat er es über die Wehrdienstverweigerung versucht – und kam in den Militärknast, verurteilt zu zwei Jahren. Nach einem Jahr gab’s eine Amnestie. Aber als er seinen Ausreiseantrag stellen und auch seine schwangere Freundin mitnehmen wollte, sagte ihm die Stasi: „Daraus wird nichts! Du spitzelst jetzt weiter.“ Und das machte er auch, bis zum letzten Tag vor der Ausreise.

Striche ziehentip Sie begleiten die Geschichte mit Super-8-Amateurfilmen, mit DDR-Punk-Songs der Ost-Band KG Rest und Fotos, die von den Protagonisten selbst stammen.
Gerd Kroske Die Arbeit besteht darin, so etwas zu finden. Auch die Fotografien aus der Weimarer Zeit sollten die Fallhöhe zwischen dieser Jugendkultur und der parallel existierenden FDJ-Welt deutlich machen. Das ist heute ja schwer zu vermitteln.

tip Im Kino bewegen sich gerade wieder einige Filme zurück in diese Epoche. Andreas Dresen in die Wendezeit, Oskar Roehler in die Westberliner 80er-Jahre.
Gerd Kroske Es geht inzwischen um Deutungshoheit. In „Das Leben der Anderen“ schickt der Schulsenator die Leute rein, so wie wir seinerzeit in Ernst-Thälmann-Filme geschickt wurden. Inzwischen gibt es da einen Kanon, mediale Klischees, die zur Geschichtserklärung herangezogen werden. Ich habe den Anspruch, dagegen zu steuern. Man muss nicht alles inszenieren. Es gibt in der Wirklichkeit sehr spannende und plausible Geschichten, die das auch anders erzählen können.

tip Wie sehen Sie die Figur von Jürgen O.?
Gerd Kroske Die Berliner Strichaktion, das muss man ihm auch zugestehen, hat er als eine Art Schlusspunkt für sich gesehen. Darüber hat er natürlich nicht geredet, bis 2011 nicht. Man merkt, dass ein wahnsinniger Riss durch ihn durchgeht. Man kann darüber heute gar nicht mehr richten. Ich finde, das ist eine Charakterfrage, ob man sich da einlässt oder nicht. Grit, die auch für ein halbes Jahr in den Knast ging, erzählt im Film, dass man auch Nein sagen konnte.

Striche ziehentip Ihr Film geht über die Frage des Verrats hinaus, nicht zuletzt, weil Sie das Personal erweitern: Sie suchen den verantwortlichen Stasi-Beamten aus Weimar und reden mit dem Grenzer, der Wolfram Hasch bei der Malaktion am 5. November 1986 an der Mauer festnahm.
Gerd Kroske Man findet nur noch selten Leute, die so in der Verantwortung standen – und sich dazu äußern. Oft geraten sie in einen Rechtfertigungszwang. Da bin ich als Filmemacher besonders dankbar, wenn jemand mit vollster Überzeugung heute noch sagt: „Ja, das war mein Leben.“ Der Grenzer ist im selben Alter wie die Jungs. Jahrgang 64. Erstaunlich, wie weit das auseinandergeht.

tip Was sagt Jürgen O. zum Film?
Gerd Kroske Sein Resümee ist, dass er nun immer das „Verräterschwein“ bleiben wird. Er bekommt das nicht hin: den Schritt, auf die Leute zuzugehen. Aber ich habe absoluten Respekt vor ihm, dass er bereit war, sich in den Film zu begeben.

tip Ihr Film führt bis nach Palästina an die Sperranlage, die die Israelis, teilweise acht Meter hoch, in der Westbank errichtet haben.
Gerd Kroske Ab 2011 tauchte auf der palästinensischen Seite ein blauer Strich auf. Da hatte jemand das Prinzip begriffen, das die 1986 schon verstanden haben: dass man durch eine solche Markierung das erst wieder als Bauwerk sichtbar macht, über die Graffitis hinweg. Wir haben tatsächlich noch Rudimente des Strichs gefunden – eine Idee, dass es für diese Geschichte auch noch eine Gegenwart gibt.

Interview: Robert Weixlbaumer

Foto Gerd Kroske: realistfilm

Fotos „Striche ziehen“: Salzgeber

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