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Ein Interview mit Greta Gerwig

Greta Gerwig

tip Miss Gerwig, genau wie bei „Frances Ha“ haben Sie auch zu „Mistress America“ das Drehbuch gemeinsam mit Ihrem Lebensgefährten Noah Baumbach geschrieben. Sie spielen die Hauptrolle, er führt Regie. Sehen Sie den neuen Film als eine Art Fortführung des vorherigen?
Greta Gerwig?Oh nein, kein bisschen. Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass die beiden Filme irgendwie zusammenhängen. Das sind vollkommen unterschiedliche Figuren, um die es da geht, mit vollkommen unterschiedlichen Geschichten. Sie existieren für mich noch nicht einmal zwingend in der gleichen Welt, viel mehr lebt jede in ihrer eigenen.

tip Wie sieht denn die konkrete Zusammenarbeit mit Baumbach aus? Schaffen Sie es, zum Feierabend auch mal nicht über die Arbeit zu sprechen?
Greta Gerwig Ich fürchte nicht, daran scheitern wir regelmäßig… Aber das stört mich gar nicht, denn selbst wenn wir gerade kein gemeinsames Projekt haben, reden wir in einer Tour über Filme und bombardieren uns mit Ideen. Der einzige Unterschied während des Schreibens ist dann, dass alle Energie ganz konzentriert in ein Projekt fließt.

tip Und da sitzen Sie dann gemeinsam am Rechner und wechseln sich mit dem Tippen ab?
Greta Gerwig Nein, eigentlich schreiben wir nicht im klassischen Sinn zusammen. Meistens sitzen wir noch nicht einmal im gleichen Zimmer. In der Regel tauschen wir uns ganz intensiv und regelmäßig über unsere Ideen aus, bevor sich dann jeder hinsetzt und schreibt. Dann tauschen wir nach einer Weile Seiten aus, diskutieren wieder ganz viel und so geht es immer weiter.

Misstress Americatip Neben der von Ihnen gespielten Brooke ist die eigentliche Protagonistin die junge Studentin Tracy. Genau wie die kamen Sie selbst einst fürs College nach New York. Liegen die Wurzeln von „Mistress America“ also in Ihrer eigenen Geschichte?
Greta Gerwig Na ja, das klingt mir zu autobiografisch. Denn selbst wenn man die Realität als Grundlage nimmt, wird doch durch das Schreiben etwas ganz anderes daraus. Und in der Hand eines Schauspielers kommt noch einmal eine ganz neue Dimension hinzu. Mit mir hat das, was es auf der Leinwand zu sehen gibt, also nicht mehr viel zu tun. Selbst wenn meine ersten Monate in der Stadt denen von Tracy nicht unähnlich waren.

tip Tatsächlich?
Greta Gerwig Ja, die ersten Monate damals waren echt hart. Ich kannte niemanden an meiner Uni und sowieso niemanden in New York. Ich weiß noch, wie ich damals auf dem Dach meines Studentenwohnheims saß, auf die Stadt blickte und nicht einmal wusste, in welcher Richtung Uptown und in welcher Downtown war. Das war schon ein Gefühl von Verlorenheit, Verwirrung und Einsamkeit, das dem im Film nahe kommt. Aber ich habe dann doch bald meinen Platz im College gefunden und hatte letztlich die besten vier Jahre meines Lebens. Ich bin in der Zeit wirklich aufgeblüht und zu einem anderen Menschen geworden. 

tip Wären Sie gerne noch mal 18 Jahre alt?
Greta Gerwig Oh nein, das dann doch nicht. Ich bin sehr glücklich mit meinem Leben und Alter heute. Ich habe meinen Traum verwirklicht und mache Kunst mit Menschen, die ich bewundere. Das würde ich auf keinen Fall eintauschen wollen.

Misstress Americatip Kommen wir noch auf die von Ihnen gespielte Brooke zu sprechen, die in „Mistress America“ der eigentliche Motor der Geschichte ist. Eine Figur, die deutlich weniger in der Realität verwurzelt scheint…
Greta Gerwig Was natürlich unsere Absicht war. Wir hatten von Beginn an diese letztlich überlebensgroße Figur im Sinn. Beide Figuren haben wir parallel entwickelt: hier die unsichere, sehr natürliche 18-Jährige, dort diese umtriebige Aufschneiderin. Brooke musste jemand sein, zu dem Tracy aufschaut, den sie aber natürlich auch schnell durchschaut. Und aus dem Verhältnis dieser beiden höchst unterschiedlichen Figuren sollte diese spezielle Screwball-Stimmung entstehen.

tip Zielten Sie damit auf klassische Komödien der 30er -und 40er-Jahre ab?
Greta Gerwig Auch. Aber durchaus auch auf einen ganz bestimmten Typ von 80er-Jahre-Film, konkret etwa Scorseses „Die Zeit nach Mitternacht“ und „Gefährliche Freundin“ von Jonathan Demme. Da ging es um zugeknöpfte, eher spießige Typen, die es in die Unterwelt verschlägt. Der adrette Yuppie auf der einen, die unberechenbare Frau auf der anderen Seite – aus deren Interaktion entwickelten sich die Geschichte und der Humor.

tip Nur dass Sie das Element Liebe weggelassen haben…
Greta Gerwig Genau. Normalerweise sind solche Geschichten romantischer und sexueller Natur. Das verrückte Mädchen aus Downtown verwickelt den geschniegelten Uptown-Typen in ihr wildes Leben. Daraus eine platonische Beziehung zweier Frauen zu machen, war für uns der besondere Reiz.

Interview: Patrick Heidmann

Fotos: 2015 Twentieth Century Fox

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