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Ein Interview mit Gustav Deutsch

Gustav Deutsch

Der 1952 in Wien geborene Gustav Deutsch entdeckte nach dem Architekturstudium in den 1980er-Jahren Film und Kunst für sich. International gilt er heute als Koryphäe des Found-Footage-Films, unter anderem aufgrund seiner Trilogie „Film ist“. Mit „Shirley – Der Maler Edward Hopper in 13 Bildern“ zeigt er nun seinen ersten Spielfilm.

tip Was fasziniert Sie an Edward Hopper?
Gustav Deutsch?Er hat über 45 Jahre stets dieselbe Geschichte erzählt. Ich kenne keinen Künstler, von dem man ein Bild von 1932 und eines von 1963 nebeneinander hängen kann, ohne dass es auffällt. Seine Bilder wirken wie Filmstills, haben dieses besondere Spiel von Licht und Schatten. Ich nahm diese Bilder als Anlass, um damit eine Geschichte zu erzählen.

tip Wurde die Figur Shirley von der Biografie Hoppers beeinflusst?
Gustav Deutsch Die Idee, Edward Hoppers Frauenfiguren in Shirley zu vereinen, wurde davon beeinflusst, dass ihm seine Ehefrau Josephine Nivison rund 40 Jahre lang Modell gestanden hat. Man weiß aus ihren Aufzeichnungen, dass sie sich zusammen die Figuren ausgedacht haben und ihnen Namen gaben. Shirley hieß die Frau aus „Office at Night“. Interessant ist, dass Josephine sich zunächst als Schauspielerin versuchte, dann Malerin wurde, doch ihre Karriere für ihren Mann aufgab.

Shirleytip Ihre Shirley wirkt anders: sinnlich, aufregend, sich ihrer Haltung gegenüber der Gesellschaft sehr bewusst.
Gustav Deutsch Ich wollte eine starke Frau kreieren. Dass sie Schauspielerin ist, passt zum Filmthema, da sie sich beruflich mit der Inszenierung von Wirklichkeit auseinandersetzt. Doch sie strebt keine Einzelkarriere an, sondern arbeitet im Sinne der gesellschaftlichen Wirksamkeit von Kunst als Theaterschauspielerin. Sie ist Teil einer Gruppe, erst vom Group Theatre, dann vom Living Theatre. Beide haben sehr einflussreiche Methoden des Schauspiels entwickelt.

tip Edward Hopper war als reaktionärer Mensch bekannt. Mit „Shirley“ deuten Sie seine Bilder um.
Gustav Deutsch Er hat aufgrund seiner Haltung sehr viel von der amerikanischen Geschichte ausgelassen. Das wollte ich nicht teilen. Ich habe daher über Shirleys Monologe und den Film-Score Elemente hineingebracht, um den gesellschaftspolitischen Kontext zu erhellen. Dadurch, dass jede Episode an einem 28. August stattfindet, beziehe ich mich auf den March on Washington aus dem Jahr 1963.

tip Technisch haben Sie sich einiges einfallen lassen. Sie haben die Bilder nachgestellt, das Mobiliar nachgezimmert, Gegenstände bildhauerisch angefertigt – ?Ihre Illusionsmaschine läuft auf Hochtouren.
Gustav Deutsch Die Künstlerin Hanna Schimek und ich wollten so nah wie möglich am Objekt bleiben. Uns war klar, dass wir Licht und Schatten nicht malen, sondern darstellen wollten. Wir wollten keine Malerei abbilden, sondern transferieren und haben auf die 1:1-Darstellung verzichtet. Eine Sonne, die auf einen grünen Teppich scheint, wirft bei uns keinen gelben Fleck wie bei Hopper, sondern einen hellgrünen. Auch bei Hopper sieht alles nach Kulisse aus, trotzdem glaubt man ihm, dass er Realist ist. Und das wollte ich im Film probieren: Bin ich bei größtmöglicher Künstlichkeit noch in der Lage, Emotionen zu erzeugen und Identifikationsmöglichkeiten für das Publikum zu finden?

tip Ist „Shirley“ für Sie eine Auslotung der Möglichkeiten, die das Kino bietet?
Gustav Deutsch Genau. In „Shirley“ gibt es einen Verweis, worauf es Hopper ankam: das Abbild von Licht. Der Zuschauer ist am Ende des Films wieder auf sich selbst zurückgeworfen, weil er nur Licht sieht. Damit beziehe ich mich auf das Höhlengleichnis Platons, das der Film auch an anderer Stelle zitiert. Kino ist als Phänomen gedacht, das ist die Camera obscura, in der wir uns befinden, seit Tausenden von Jahren.

Interview: Cristina Moles Kaupp

Fotos: Michaela C Theurl

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Shirley“ im Kino in Berlin

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