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Ein Interview mit Helmut Berger

Helmut Berger

tip Herr Berger, Sie legen den alternden Helden in Peter Kerns „Blutsfreundschaft“, Ihre erste Hauptrolle in zehn Jahren, äußerst hintergründig an.
Helmut Berger Vergessen Sie nicht, dass ich mit den größten Regisseuren gearbeitet habe. Ich hatte die beste Schule, viel besser als jede Schauspielschule, oder?

tip Sie haben Ihr Schauspiel aber über die Jahre sehr verändert. Sie sind heute viel sanfter, zurückhaltender.
Berger Ich hab mich nicht verändert in meiner Spielart. Gut, ich hab in „Blutsfreundschaft“ vier, fünf Kilo mehr als früher gehabt, damit ich’s besser hinkriege. Das Zunehmen war leicht. Das alles wieder abzunehmen war schwieriger. Und nach dem Tod meiner Mutter war ich natürlich wochen­lang außer Gefecht. Die Zeitungen schreiben jetzt alle: „Comeback!“

tip Das ist übertrieben. Sie waren alle paar Jahre da.
Berger Ich bin immer da! Natürlich, wenn man meine amerikanischen und englischen Filme nicht sieht …

tip Ihre Werkliste zeigt, dass Sie zwischen 1980 und 2000 kontinuierlich Filme gemacht haben – da muss man Ihre Auftritte in der US-Serie „Dynasty“ 1983/84 gar nicht zählen.
Berger Na gut, ich hab ja schon mit 22 angefangen, Filme zu machen. Jetzt bin ich 67.

tip Ihr offizielles Alter lautet doch 65.
Berger Na ja, das steht im Pass.

tip In Ihrem Pass steht, Sie seien 65, aber eigentlich sind Sie bereits 67?
Berger Ja.

tip Auch gut. Musste Peter Kern Sie eigentlich erst dazu überreden, die Rolle des schwulen Wäschereibesitzers anzunehmen? Oder waren Sie dazu sofort bereit?
Berger Ich hab das Drehbuch natürlich erst genau studiert. Im­merhin ist das mein erster österreichischer Film. Ich sagte mir also: Pro­bier’s mal! Ich fand die Rolle sehr interessant.

tip Sie verweist ja, mit den melodramatischen Rückbezügen in die NS-Zeit, auch auf Ihren Auftritt in Viscontis „Die Verdammten“ von 1969.
Berger Nein, nein, das ist ganz was anderes. Entschuldigen Sie, das ist ein Klassiker!

tip Ist mir klar. Aber thematisch hat Kerns Film mit „Die Verdammten“ schon zu tun.
Berger Was bitte hat die Geschichte dieser Industriellenfamilie bei Visconti mit „Blutsfreundschaft“ zu tun?

tip Die Geschichte des National­sozialismus überschattet beide Filme.
Berger Nein! Passen Sie auf! Machen Sie keine Fehler! Bei Kern geht es um Neonazis!

tip Ist es ein Sakrileg, Viscontis Film zu zitieren?
Berger Sie können doch Visconti nicht mit Kern vergleichen! Was erlauben Sie sich eigentlich?

tip Ich vergleiche die beiden doch nicht.  
Berger Na eben. Das sind Neonazis bei Kern, wir leben in einer anderen Zeit, die viel schneller vorbeigeht.

tip Aber Sie wissen, dass es diese Rückblenden gibt, die Ihre Figur in der NS-Zeit zeigt?
Berger Nein!

tip Doch! Haben Sie den Film noch nicht gesehen?
Berger Nein, ich sollte ihn sehen, am Big Screen, aber dann musste ich ihn im Fernsehen sehen, ich sah den Film vor zwei Jahren.

tip Der Film ist doch noch nicht mal ein halbes Jahr fertig.
Berger Ja, das weiß ich alles nicht.

tip Sie meinen, Sie haben bislang nur Rohschnitte des Films gesehen?
Berger Nein, ich hab alles gesehen, ich hatte natürlich einen sehr harten Vertrag, denn ich hatte Schwierigkeiten mit diesen Produzenten – nicht ich persönlich, aber mein Manager natürlich. Es ging nicht so, wie es sein sollte. Aber okay …

tip Sie sind eigentlich viel zu jung für die Rolle. 1945 waren Sie selbst erst drei Jahre alt. Im Film soll Ihre Figur da schon ein Teenager sein.
Berger Was soll ich machen? Es gibt Leute, die mit 40 kahl sind, während ich kein graues Haar habe. Was soll das heißen? Man ist im Kopf erwachsen.

tip Sie leben seit ein paar Jahren in Salzburg. Haben Sie vor, dort zu bleiben?
Berger Das ist mein Wohnsitz jetzt, ja. Die Sache mit meiner Mutter ist, wie Sie wissen, vor zweieinhalb Monaten passiert, das ist noch alles sehr frisch. Ich weiß auch nicht …

tip Sie haben sowohl mit Peter Kern gearbeitet als auch mit Christoph Schlingensief …
Berger Mit wem?

tip Schlingensief. Sie spielten 1997 eine wichtige Nebenrolle in „Die 120 Tage von Bottrop“.
Berger Nee. Stimmt nicht. Nein.

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