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Ein Interview mit Henry Hübchen zu „Whisky mit Wodka“

Henry Hübchen in tip Herr Hübchen, unter anderem sind Sie berühmt dafür, dass Sie mit Ihren Regisseuren hart ins Gericht gehen. Was gibt’s denn an Andreas Dresen und seinem Film „Whisky mit Wodka“ herumzumäkeln?
Henry Hübchen Wenn das stimmt, was Sie sagen, muss ich das Image-Ruder ja ganz hart herumwerfen … Im Übrigen wird, wenn überhaupt, nicht gemäkelt, sondern zur Sache gesprochen. Natürlich gibt es eine Reihe von Dingen, bei denen ich im Detail vielleicht anderer Meinung bin. Aber wenn man bei Michael Schumacher ins Auto einsteigt, geht man davon aus, dass man vorne ankommt. Ganz viele Dinge – etwa wie man sich mit Stoffen auseinandersetzt – habe ich in der Zusammenarbeit mit Andreas Dresen wieder bestätigt gefunden. Ich habe mir auch gedacht, dass es so sein würde, weil ich eben bei Schumacher eingestiegen bin, weil ich Andreas Dresens Filme liebe. Wichtig ist die Mannschaft, mit der man zusammen Erfahrungen machen kann, bei der die Chemie einfach stimmt. Dann kommt man auch ans Ziel.

tip Diese Chemie, von der Sie sprechen, kommt die daher, dass Sie mit „Whisky mit Wodka“ so etwas wie einen letzten heimlichen DDR-Film gemacht haben? Es sind drei Generationen DDRler am Werk. Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, Jahrgang 31 …
Hübchen Ja, Dresen, icke …

tip … also Hübchen, Jahrgang 47, Dresen, Jahrgang 63.
Hübchen
Natürlich, es hat etwas mit einer ähnlichen Sozialisierung zu tun, mit ähnlichen Erfahrungen. Wir haben – pauschal gesagt – dem allgemeinen Bundesbürger eins voraus: Wir haben wirklich bewusst in zwei Gesellschaftsordnungen gelebt, Kohlhaase sogar in drei. Das ist ja nicht nachteilig. Im Gegenteil: Das merkt man. Wobei natürlich eine ähnliche Sozialisierung nicht unbedingt Gleichklang hervorruft. Aber offensichtlich sind wir Leute, die in diesem anderen System ähnlich gedacht haben, was man erst im Nachhinein richtig merkt. Damals haben wir uns ja nicht gekannt.

tip Aber was war denn dann die gemeinsame Erfahrung?
Hübchen Ein kritischer Blick auf die Umstände. Ich weiß nicht im Detail, wie jeder konkret gelebt hat. Aber ich merke es an dem, was sie reden und was Kohlhaase geschrieben hat. Und in der Art und Weise, wie Dresen erzählt. Dieses Hinterfragen, der Versuch, komplex zu denken – nicht diese oberflächlichen Geschichten mit den einfachen Lösungen. Da ist noch mehr als nur schwarz-weiß. Die Welt hat viele Schattierungen. Viele begreifen das nicht und wollen es auch gar nicht erzählen. Für mich war ein Dramatiker wie Heiner Müller eine ganz wichtige Gestalt. Der hat dialektisch geschrieben, in einem einzigen Satz schon wieder den Widerspruch formuliert. Und man darf auch nicht diese DEFA-Filme vergessen, die ich aber nur peripher wahrgenommen habe, wie auch deutsche Rockmusik, weil mein Blick in den Westen gerichtet war.

tip Was haben Sie stattdessen gehört und gesehen?
Hübchen Mein Blick war nach Liverpool gerichtet. Alle vier Beatles stammten ja aus Liverpool – Sie merken, ich bin jetzt wieder bei der Sozialisierung. Die vier waren aus Liverpool und hatten natürlich diese Stadt und diese Zeit in sich. Und deshalb stimmte das mit denen.

Henry Hübchen in tip Das heißt, Sie sind sozusagen die Beatles der DDR, die sich jetzt noch mal zufällig zusammengefunden haben.
Hübchen Nein, bloß keine Vergleiche. Aber ich meine, warum haben wir in einer bestimmten Zeit relativ erfolgreich Theater gemacht?

tip Sie meinen die Volksbühne in den 90ern, wo Sie mit Frank Cas­torf Theatergeschichte geschrieben haben. Ihr vielleicht spektakulärster Auftritt war der Tanz auf dem glitschigen Kartoffelsalat in „Pension Schöller“.

Hübchen Ja, 100 Jahre her. Das kann ich nicht mehr machen.

tip Aber in „Whisky mit Wodka“ springen Sie auf offener See von einem Boot zum anderen. Ohne Stunt und ohne Double. Respekt!
Hübchen Davor müssen Sie gar keinen Respekt haben. Ist kein guter Sprung im sportlichen Sinne – sieht nicht gefährlich aus, war auch nicht gefährlich. Sie haben mir jetzt ein bisschen Honig um den Mund geschmiert.

tip Aber Sie machen auch einen Handstand!
Hübchen Falsch. Ich versuche einen Kopfstand zu machen, der nicht besonders gelingt. Und ich habe noch ganz andere Sachen gemacht, die im fertigen Film nicht zu sehen sind.

tip Was denn?
Hübchen Irgendwelche halben Flick­flacks, die dann natürlich nicht funktionieren, weil meine Figur ein älterer Mann ist, der aber noch eine andere Wahrnehmung von sich hat. Diese Verstiegenheit ist komisch. Es war ein Versuch von mir, Slapstick hineinzubringen, eine Art von Körperlichkeit, weg vom Naturalismus, zurück zu Chaplin.

tip Sie haben eine große Liebe zum Slapstick, oder?
Hübchen Mich hat das Clowneske immer interessiert. Dazu gehört der Stummfilm, dazu gehört Chap­lin, Buster Keaton, Grock, dann Django Edwards. Ich habe mich auf der Bühne immer als einen körperlichen Schauspieler verstanden. Und da habe ich natürlich einen Mann wie Castorf gefunden, der das aufgegriffen hat. Pina Bausch hat uns ganz stark beeinflusst, das Tanztheater.

Henry Hübchen in tip Eine ganz andere Frage: Sie gelten ja als „der auf ewig schöns­te Kerl vom Prenzlauer Berg“. Okay, kein Nachfolger in Sicht, aber was ist mit dem Prenzlauer Berg? Ist das noch Ihr Prenzlauer Berg? Es heißt ja immer, er ist fest in Schwaben-Hand, er hat sich total geändert.
Hübchen Ich wohne seit Jahren in Pankow. Mit dem Prenzlauer Berg habe ich eigentlich nur immer als Durchreisender zu tun. Also wenn ich jetzt überlege – ich habe mal in Prenzlauer Berg gewohnt, stimmt. Am Anfang, 72 oder so, da hatte ich ’ne kleine Wohnung auf’m Hinterhof, zwei, drei Jahre. Da war das alles grau. Ich kann mich nicht erinnern, dass es ein Lokal oder so was gab. Nur ein oder zwei leere Gemüsegeschäfte. Also das ist ein Riesenunterschied, der sehr schön ist. Ob da nun Schwaben, Tiroler oder Eskimos sind, ist mir ganz egal, wenn sie sich anständig benehmen (lacht).

tip Und noch ’ne Frage: 20 Jahre Mauerfall.
Hübchen (stöhnt) Das höre ich überall.

tip Also: Was ist das Beste, was das Verlogenste in den vergangenen 20 Jahren? Haben Sie da ir­gendwas, was Sie wie aus der Pis­tole geschossen sagen? Die Bilanz: Was ist seitdem passiert?
Hübchen Ich habe etwas gegen diese Chartlisten – Erster, Zweiter, Dritter. So was gibt es nicht im Leben – das Beste, der Schönste, der Lustigste. Jetzt spontan fällt mir diese Theaterzeit Anfang der 90er mit Frank Castorf ein. Das war eine sehr, sehr glückliche Fügung, die es nicht gegeben hätte, wenn die Mauer nicht gefallen wäre. Und jetzt auch noch das Schlechteste?

tip Oder Verlogenste oder Erschütterndste.
Hübchen Ich war irgendwann ein Privilegierter dieses vergangenen Systems. Ich bin in den letzten
Jahren mit einem Pass als freier Mensch in den Westen gefahren, weil ich da gearbeitet habe und harte Währung verdient habe. Insofern war ich vorbereitet auf das, was da kam. Andeutungsweise vorbereitet (Pause). Trotzdem war ich überrascht, dass es sich dann so oft reduziert auf eine riesengroße Trick­ser- und Verkäufer-Gesellschaft!

Interview: Volker Gunske

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