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Ein Interview mit Jan Ole Gerster und Tom Schilling

Jan Ole Gerster und Tom Schilling

„Stört es Sie, wenn ich rauche?“, fragt Jan Ole Gerster höflich und bietet Kaffee an. Er sei für den Tag dann auch mit Kaffee und Zigaretten durch – was ungefähr die Grundlebensmittel von Niko sind, dem Antihelden von „Oh Boy“. Wir sind im Hauptquartier von X Filme in Schöneberg in der Kurfürstenstraße, im Büro von Dani Levy. Dass Jan Ole Gerster sich in der Office-Villa so gut auskennt wie in seiner Hosentasche, merkt man. Gerster ist so etwas wie ein Eigengewächs des Hauses. Kino war der Grund, warum er vor zwölf Jahren seinen Heimatort im Siegerland verließ und nach Berlin zog. Mit einem Praktikum bei Tom Tykwers Film „Heaven“ fing es an, es folgte ein Job als Assistent Wolfgang Beckers. Gerster, Jahrgang 1978,  studierte schließlich selbst Regie an der dffb, brütete viele Jahre über seiner eigenen Film­idee, blieb dabei dem Haus verbunden, trat auch mal als Schauspieler auf, etwa in Sebastian Schippers „Ein Freund von mir“. Und ja, Freundschaften schloss er im Umfeld der Wahlfilmfamilie viele: mit Daniel Brühl und Franka Potente, mit der er ein Paar war, mit Kameramann Philipp Kirsamer, der jetzt für „Oh Boy“ die melancholischen, stillen Stadtporträts von Berlin fotografierte. Ein enger Freund ist auch Hauptdarsteller Tom Schilling, der jetzt eintritt, gekleidet in einen trendigen, altmodischen Anzug mit Opa-Strickweste darunter, und der ebenfalls fragt: „Stört es Sie, wenn wir rauchen?“

tip Herr Gerster, gibt es ein Berlin-Lebensgefühl?
Jan Ole Gerster Sicher. Aber das nimmt jeder unterschiedlich wahr. Worauf man sich, glaube ich, einigen kann, ist, dass Berlin einen gewissen Lifestyle erlaubt. Eine Art, in den Tag hineinzuleben, so wie es andere Städte oder europäische Metropolen nicht zulassen. Berlin ist ja noch immer erschwinglich, in anderen Städten müssen die Leute mehr arbeiten für ihren Lebensstil.

Jan Ole Gerstertip Ist es denn noch so leicht in Berlin?
Jan Ole Gerster So habe ich es zumindest erfahren, als ich kam. Man kann sich im wahrsten Sinne des Wortes auch mal eine Auszeit leisten und, ja, auch eine gute Zeit haben. Ich denke, deswegen ist Berlin nach wie vor so attraktiv, dass so viele Leute herziehen, immer mehr aus anderen Ländern. Das macht Berlin, denke ich, auch aus. Auch wenn es nicht so schön ist wie Venedig oder Paris.

tip Herr Schilling, sieht man das weniger optimistisch, wenn man in der Stadt geboren ist wie Sie?
Tom Schilling Mir fällt es komischerweise schwer, so ein Berlin-Gefühl zu beschreiben. Ich glaube, als Berliner hat man einen selbstverständlicheren Bezug zur Stadt, einfach weil es für mich Heimat ist und ich nicht so darüber reflektiere wie jemand, der zugezogen ist. Man beschäftigt sich wohl erst intensiver mit der Stadt, wenn man woanders ist, beispielsweise, als ich mal in New York gelebt habe für ein halbes Jahr. Für mich ist Berlin meine Heimatstadt. Ich mag sie und ich kann mir nicht vorstellen wegzuziehen.

tip In „Oh Boy“ spielen Sie einen freundlichen Tagträumer, der durch eine schwarz-weiße, streckenweise unheimliche Stadtlandschaft treibt. Es gibt ungewohnte Bilder von Brandmauern, Fassaden und S-Bahngleisen. Kennen Sie diesen Blickwinkel, auch die Faszination am Kaputten, die der Film transportiert?
Tom Schilling
Vielleicht auf eine andere Weise. Orte zum Beispiel, die Jan Ole toll findet, wie das Tacheles: Dort habe ich meine Jugend verbracht. Ich hab da Graffiti gemalt tagsüber. Man konnte dort nämlich legal malen, und ich war zu brav und zu wohlerzogen, um Züge zu malen.

tip Das haben eher Freunde vollendet?
Tom Schilling Ja, die älteren. Die haben wir natürlich total bewundert. Ich habe, wenn’s hochkommt, mit ’nem dicken Edding mal was in den Hausflur reingetaggt. Aber um auf das Stadtgefühl zurückzukommen, ich beschäftige mich nicht wirklich damit, weil es für mich so normal ist. Auch was Veränderung angeht. Man redet natürlich im Freundeskreis oft darüber, wie sich die Stadt verändert – zum Guten, zum Schlechten. Ich merke, dass meine Freunde, die zugezogen sind, aber alle schon lange in Berlin wohnen, viel emotionaler darüber sprechen als ich. Ich bin ja noch in der DDR geboren, habe den Prenzlauer Berg erlebt, als es noch Einschusslöcher in jedem Haus gab. Und als der Prenzlauer Berg ein wirklich cooler Stadtbezirk war, später, als er totsaniert wurde.

Tom Schillingtip Diese starken Gefühle, die sich bei Themen wie Mediaspree, Tacheles oder dem Schokoladen regen – die kennen Sie weniger?
Tom Schilling Ich bin aufgewachsen mit dieser ständigen Veränderung, ich finde gut, dass die Stadt in Bewegung ist. Klar kann man sich über Mediaspree aufregen, aber die Bewegung geht ja immer weiter, es entstehen andere tolle Sachen. Vielleicht nicht mehr vor meiner Haustür. Aber in Neukölln geht ja offensichtlich die Post ab, oder?
Jan Ole Gerster Vielleicht sollten wir da mal hinfahren, in dieses Neukölln!
Tom Schilling (lacht) Wo ist das?

tip Wie sieht denn Ihre Geschichte mit der Stadt aus?
Jan Ole Gerster Ich bin 2000 hergezogen, aus der Gegend um Hagen, wo ich geboren bin. In Berlin bin ich dann durch die Straßen getigert und habe die Stadt entdeckt. Jeder, den ich getroffen habe, hat mir gesagt, ich komme zehn Jahre zu spät – die Party ist vorbei. Jetzt ertappe ich mich selbst dabei, wie ich das Leuten, die herziehen, auch schon sage: dass hier alles schon gelaufen ist. Vielleicht ist das ein Phänomen der Dazugezogenen, dass sie die besseren Berliner sind. Mittlerweile würde ich von mir behaupten, auch einer zu sein. Ich glaube, das Schöne an Berlin ist, dass es einfach immer weitergeht und es ganz egal ist, wann man herzieht.

tip Was hat Sie damals nach Berlin gezogen?
Jan Ole Gerster Die Liebe zum Film. Ich hatte irgendwann beschlossen, dass Film nicht mehr länger nur eine Leidenschaft und ein Hobby sein soll, sondern dass ich beim Film arbeiten möchte. Ich habe mich also erkundigt und darüber nachgedacht, welche deutschen Filme der letzten Jahre mich interessiert und begeistert haben. Ich habe dann festgestellt, dass sie alle aus einer Firma kommen, X-Filme. Also habe ich mich ganz offiziell um ein Praktikum beworben und hatte keine Ahnung, dass das außer mir noch 500 andere pro Woche machen. Ich musste dann ungefähr 30 Mal anrufen, bis ich die halbe Belegschaft schon übers Telefon kannte. Irgendwann sagte jemand: Wir haben keine Ahnung, wer du bist, aber du willst offensichtlich den Job. Dann komm mal her und wir reden. – Einen Tag später bin ich mit dem Auto hergefahren und hab den Job bekommen. Vom Berliner Lebensgefühl hab ich dann allerdings erst mal nicht viel mitbekommen.

Interview: Ulrike Rechel

Fotos: Harry Schnittger / tip

Lesen Sie das vollständige Interview im aktuellen tip 23/12 auf den Seiten 26-31.

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