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Ein Interview mit Jane Campion

Jane CampionSeit gut 20 Jahren arbeite sie in diesem Büro, erklärt die Filme­­macherin Jane Campion, wäh­rend sie gerade ihre jüngste Anschaffung, das großformatige Ge­mälde eines Aborigine-Künst­lers, entrollt und gleich wieder verstaut. Luxuriös wirkt ihr im vierten Stock eines alten Hauses im Stadtteil Darlinghurst in Sydney gelegenes Office nicht, eher mutet das schlicht möblierte Apartment, das dafür in Beschlag genommen wurde, wohnlich an. Nichts deutet darauf hin, dass hier eine Oscar-Preisträgerin („The Piano“, 1993) ihre Arbeit verrichtet. Campion, 55, geboren im neuseeländischen Wellington, schreibt und produziert ihre Filme in Australien.

tip Frau Campion, „Bright Star“ ist ein sehr stofflicher Film. Sie erforschen die Oberflächen der materiellen Welt geradezu obsessiv.
Jane Campion Weil ich mich dafür interessiere, wie Frauen gelebt haben und leben. Das berührt und erzürnt mich. Die Frauen jener Ära, soweit sie nicht der Upperclass angehörten, waren praktisch zum Nähen und Dienen verurteilt. Sie erschaffen sich ihre Welt buchstäblich Stich für Stich.

tip Als feministische Filmemacherin …
Campion … ist man schon im Kunstghetto. Man kann auch Künstlerin sein ohne politische Agenda. Ich halte mich nicht für eine politische Filmemacherin, auch wenn ich an die Gleichheit glaube: an die Gleichheit der Geschlechter und der Hautfarben.

tip Das macht Sie zur politischen Filmemacherin.
Campion Ich denke, Männer wollen doch auch, dass ihnen Frauen gleichgestellt sind. Ich kenne keinen einzigen Mann, der das bestreiten würde.

tip Finden Sie es lästig, als Künstlerin ständig nach Ihrem Feminismus gefragt zu werden?
Campion Gar nicht. Sind wir nicht alle ein wenig verblüfft von dem Umstand, dass 97 Prozent aller Filme weltweit von Männern gemacht werden? In der bildenden Kunst ist es auch nicht anders. Diese Ungleichheit ist eine Schande für unsere Gesellschaft. Es scheint nur einen sicheren Weg zu geben, als Frauen in die Kunstgalerien zu kommen: als Nacktmodell.

tip Sie waren neben 35 männlichen Regisseuren die einzige Filmemacherin, als sich das Fes­tival in Cannes 2007 mit einer Kurzfilmrolle feierte. In Ihrer Episode sieht man eine als Insekt verkleidete Frau, die sich auf einer Bühne als Tänzerin versucht, aber dann zerquetscht wird. Sind Sie so frus­triert von der Kunst?
Campion Total! So sehe ich mich: Ich bin dieser Käfer! Nein: Ich lasse mich nicht zerquetschen. Ich bin eher eine dieser Küchenschaben, die man nicht loswerden kann.

tip Sie fühlen sich von der chau­vi­nistischen Filmindustrie so sehr behindert?
Campion Sie wissen nicht, wie es ist, mit einem Film in die Welt zu gehen – und acht von zehn Journalisten sind männlich. Alle behandeln einen so, als hätte man eine lebensbedrohliche Krankheit überlebt. Und dann ist es leider so, dass man mit Filmen, die Männern schmeicheln, viel mehr Erfolg hat als mit Filmen, die Männer herausfordern.

Lesen Sie das vollständige Interview im aktuellen tip 01/10 auf den Seiten 44 – 46.

Lesen Sie hier die Filmkritik und sehen Sie den Trailer: „Bright Star“ im Kino in Berlin

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