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Ein Interview mit Jean-Pierre Jeunet

Jean-Pierre Jeunet

tip Herr Jeunet, in der Regel sucht ein Regisseur eine Vorlage. Aber war es im Fall von „Die Karte meiner Träume“ vielleicht umgekehrt? Der Roman von Reif Larsen kommt mir vor wie Stoff, den Sie hätten erfinden können.
Jean-Pierre Jeunet Larsen hatte eine Liste von fünf Regisseuren, die nach seiner Ansicht für eine Adaption infrage kämen: David Fincher, Tim Burton, Wes Anderson, Alfonso Cuarуn und mich. Ich war der Erste, den er anrief. Er erzählte mir, als er „Die fabelhafte Welt der Amйlie“ sah, habe er das Gefühl gehabt, als würde da jemand in seinem Hirn herumstöbern. Es gab im Roman tatsächlich einige Elemente, die für meinen Geschmack „Amйlie“ viel zu nahe kamen und die ich deshalb nicht im Drehbuch verwendet habe.

Die Karte meiner Träumetip Andererseits erinnere ich mich, wie Sie in einem Interview zu Ihrem letzten Film „Micmacs – Uns gehört Paris“ sagten, nun wollten Sie sich in eine ganz andere Richtung orientieren.
Jean-Pierre Jeunet Tatsächlich?

tip Ich hab es auf Band.
Jean-Pierre Jeunet Generell treffe ich die Entscheidung für einen Stoff instinktiv, ohne Vorsatz. Natürlich gibt es hier andere Rahmenbedingungen: ein Film in englischer Sprache, der in den endlosen Landschaften der USA spielt und in 3D gedreht ist. Auch die Natur spielt eine größere Rolle, als es in meinen bisherigen Filmen der Fall war. Ich würde auch sagen, dieser Film ist emotionaler als meine früheren.

tip Ich finde, bereits „Mathilde – Eine große Liebe“ ist ein sehr gefühlvoller Film.
Jean-Pierre Jeunet Dazu gibt es so viele Ansichten wie Zuschauer. Das ist wie beim Humor: Manche lachen schon, wenn eine Figur in den Swimmingpool fällt, während andere nur Dialoge von Woody Allen witzig finden. Für manche Zuschauer bedeutet Emotionalität, wenn sie von Violinen zum Weinen gebracht werden, andere hingegen suchen eine tiefere Beteiligung am Schicksal der Figuren.

Die Karte meiner Träumetip Die Struktur des Buches wie des Films ist in dieser Hinsicht interessant, weil sie unterschiedliche Register zieht: Der erste Teil ist ein Pastorale, der zweite ein Roadmovie, der dritte eine Satire.
Jean-Pierre Jeunet Es ist natürlich riskant, wenn sich in einem Film mehrfach die Stimmung ändert. Dem einen Zuschauer gefällt der erste Teil besser, einem anderen der letzte, weil die Satire etwas moderner wirkt. Aber ich fand das Konzept des Buches stark genug, um es beizubehalten. Eigentlich ändert sich der Tonfall ja nicht, sondern eher das Ambiente.

tip Welcher Teil war für Sie als Regisseur der schwierigste?
Jean-Pierre Jeunet Unter dem technischen Aspekt sicher der zweite. Züge sind immer schwierig. Beim Schnitt muss man aufpassen, dass die Anschlüsse passen, dass die Züge im gleichen Tempo fahren. Hier war es kompliziert, weil wir zwischen verschiedenen Drehorten wechselten und viele Szenen vor einem Greenscreen-Hintergrund gedreht wurden. Das größte Vergnügen haben mir die Szenen mit der Familie auf der Ranch bereitet. Der letzte Teil machte mir viel Spaß, weil Judy Davis da ihr komödiantisches Talent ausschöpfen konnte.

tip Davis ist Australierin, Helena Bonham-Carter ist Engländerin, die meisten anderen Schauspieler sind Kanadier. Das ist eigentlich ein falscher amerikanischer Film!
Jean-Pierre Jeunet Das nehme ich mal als Kompliment. Ich wollte vollkommene Freiheit, das Recht auf den Final Cut, was praktisch unmöglich ist, wenn Sie Partner in den USA haben. Deshalb haben wir uns für eine Co-Produktion mit Kanada entschieden.

Die Karte meiner Träumetip Der Roman gibt praktisch schon vor, dass er in 3D verfilmt wird: Ständig sprengen Zeichnungen, Karten etc. den Rahmen des Textes.
Jean-Pierre Jeunet Ja, das war eine logische Konsequenz. Ich mochte 3D schon immer. Als Kind habe ich mit einem Viewmaster gespielt und immer davon geträumt, diese Seherfahrung einmal im Kino umzusetzen.

tip Im Film gibt es die typische Projektil-Ästhetik des 3D, aber vor allem arbeiten Sie mit der Tiefe des Bildraums.
Jean-Pierre Jeunet Ich habe genau studiert, was in 3D funktioniert und was man vermeiden muss. Die Dreharbeiten waren ein kontinuierlicher Lernprozess. In diesem Format verändert sich die Grammatik des Kinos vollständig.

tip Mich hat erstaunt, wie langsam und getragen der Rhythmus des Films ist.
Jean-Pierre Jeunet Ich habe gemerkt, dass das Format ein kontemplatives Tempo verlangt. Die Kamerabewegungen müssen langsamer sein, das Auge des Zuschauers braucht einfach mehr Zeit, das alles aufzunehmen. Wenn ich an das Ende von „Avatar“ denke, wird mir klar, dass 3D einfach nicht für Kampfszenen geeignet ist. Aber Hollywood nutzt es nur für Action-Filme. Ein großer Fehler.

Interview: Gerhard Midding

Fotos: Jan Thijs 2012 / DCM

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Die Karte meiner Träume“ im Kino in Berlin

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