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Ein Interview mit Joaquin Phoenix

Joaquin Phoenix in

tip Wie gefällt Ihnen das Zukunftsszenario aus „Her“, in dem alle freundliche Farben tragen, keiner raucht und sich Theodore in die rauchige Frauenstimme eines Betriebssystems verliebt?
Joaquin Phoenix Also, ich würde rauchen! Und es ist nett, im Kino zur Abwechslung eine Zukunft zu sehen, in der nichts explodiert und die Menschen immer noch Liebeskummer haben.

tip Die Debatte, ob wir im digitalen Zeitalter alle zu technikhörig sind, wird auch um „Her“ geführt. Ihr Standpunkt?
Joaquin Phoenix Die Zukunft ist immer cool und ich bin neugierig auf neue Technologien. Furcht vor Veränderung ist nicht Teil meiner Persönlichkeit, aber ich will auch niemandem mehr Computer aufschwatzen. Manche halten „Her“ für eine Warnung, andere für ein modernes Märchen. Die Antwort ist: Es gibt keine gültige Antwort. Ich weiß nicht, ob eine künstliche Intelligenz einen Partner ersetzen könnte. Aber warum nicht? Ich kann nicht ablehnen, was ich noch nicht kenne. In einer Wissenschaftszeitung las ich unlängst eine Theorie, warum unser Universum nur eine Simulation sein kann. Faszinierend! Mir gefällt der Gedanke, dass alles hier nur ein großes Experiment ist.

tip Wie sehen Sie rückblickend Ihr Experiment mit der Fake-Doku „I’m Not There“, als Sie anderthalb Jahre vorgaben, ein bärtiger Rapper zu sein?
Joaquin Phoenix Ich habe noch bei den „Her“-Dreharbeiten Songs geschrieben, als der Bart längst abrasiert war. Ich werde besser, auch wenn davon nie etwas veröffentlicht wird. Der ganze Sinn der Übung war, jemandem dabei zuzuschauen, wie er voller Aufrichtigkeit etwas Neues versucht – und dabei scheitert. Nach jedem Drehtag bin ich normal nach Hause gegangen und war ich selbst. Doch in einer Rolle zu stecken ohne Drehbuch, ohne zu wissen, wie jemand auf dich reagiert – das hat mich als Schauspieler sicher weitergebracht.

tip Eine neue Motivation, nachdem Sie früher vielfach haderten mit Hollywood?
Joaquin Phoenix Am liebsten wäre ich ein ewiger Kinderdarsteller, denn nur in dieser Zeit ist man vollends naiv gegenüber all den externen Einflüssen auf einen Film. Je mehr man dann arbeitet, desto mehr kämpft man um pure Erfahrungen. Man hat sein Gesicht satt, das Publikum hat dein Gesicht satt und der Druck über all die Zeit laugt dich aus. Mich kostet jeder Film mehr Kraft als der vorangegangene – doch zugleich wächst auch stetig meine Bewunderung für das Medium. Wahrscheinlich verdirbt mich die Qualität meiner Regisseure sogar. Mit Paul Thomas Anderson habe ich gerade „Inherent Vice“ nach Thomas Pynchon gedreht. Ganz klar die seltsamste Rolle, die ich je gespielt habe. Ich habe mitgespielt und noch immer keinen Schimmer, wie der Film wird – ideal!

Interview: Roland Huschke

Foto: 2013 UNTITLED RICK HOWARD COMPANY LLC / Courtesy of Warner Bros. Pictures

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Her“ im Kino in Berlin

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