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Ein Interview mit Joaquin Phoenix

Joaquin Phoenix in

tip Herr Phoenix, Regisseur Spike Jonze sagte uns, dass Sie die Rolle des einsamen Theodore in „Her“ anfangs nicht spielen wollten. Was überzeugte Sie vom Gegenteil?
Joaquin Phoenix Messen Sie dem keine Bedeutung bei. Ich sagte wahrscheinlich jedem Regisseur ab, mit dem ich je gedreht habe, weil ich immer Zweifel habe, einer Rolle überhaupt gewachsen zu sein. Wann dieses Gefühl kippt? Niemals. (lacht)

tip Sie fühlen sich nie sicher in der Haut Ihrer Figuren?
Joaquin Phoenix Es gab Momente, in denen ich überzeugt war, alles total richtig zu machen – und das wurden wirklich immer die schlimmsten Szenen des Films. Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich ahnungslos bin. Wenn ich nicht über Dinge nachdenken muss, die ungesund für die Arbeit sind. Ganz bestimmt steckt in jeder Figur auch ein Stück von mir. Doch wie es vor die Kamera gelangt, ist mir auch ein Rätsel. Wenn ich Projekte zusage, sind es eigentlich nie die Drehbücher – zu 99 Prozent geben die Regisseure den Ausschlag.

tip Das Drehbuch zu „Her“ war Ihnen nicht so wichtig?
Joaquin Phoenix Nicht annähernd so wichtig wie Spike Jonze. Natürlich war es ein großartiges Skript – doch ich habe schon großartige Skripts von Leuten gelesen, deren Ideen beim Dreh pulverisiert wurden. Wenn aber ein Filmemacher wie Spike auch noch so ein Buch selbst schreibt, dann reizen mich die Chancen, die nur zwischen den Zeilen stehen. Ein kleines Detail, das man überliest, bevor es am Set große Bedeutung annimmt, wenn der Regisseur so eng mit dem Material verbunden ist wie niemand sonst.

Joaquin Phoenix in tip Wie hat man sich den Inszenierungsstil von Spike Jonze vorzustellen?
Joaquin Phoenix Sehr individuell, was ich liebe. Insgesamt sehr spezifisch und kontrolliert, das Ganze ist eindeutig seine Show. Doch während er Schauspielern kaum von der Seite weicht, ermutigt er auch zur Freiheit. Ich glaube, dass ich früher oft in gewisse Schauspielmuster gefallen bin, und erst seit ein paar Filmen wirklich Neues versuche. Ich kann das nur mit Leuten wie Paul Thomas Anderson oder Spike.

tip Wegen der persönlichen Chemie?
Joaquin Phoenix Im besten Fall, doch das weißt du vorher nie genau. Du sammelst Vertrauen und folgst jemandem. Bei „Her“ war ich in der ersten Woche ziemlich irritiert, wie oft mich Spike um mehr Versuche, um nuancierte Interpretationen bat. Wir rangelten, bis wir unsere Sprachen verstanden – und ich merkte, dass mich Spike auf Wege führen wollte, die ich noch nicht kannte.

tip Ersetzt der Regisseur den Schauspielpartner, wenn Sie so oft allein vor die Kamera müssen wie in „Her“?
Joaquin Phoenix Schauspielen ist weitgehend Reagieren – und Theodore ist so passiv und emotional geschwächt nach seiner Scheidung, dass er sanft geweckt werden muss wie aus einem langen Schlaf. Ich spielte Szenen mit Spike oder hatte Samantha Morton im Ohr. Als später Scarlett Johansson die körperlose Rolle von Samantha übernahm, gingen wir gemeinsam ins Tonstudio – und waren wiederum getrennt. Geholfen hat alles, denn es ist schwer, allein vor der Kamera niemanden zum Anfassen zu haben. Wo schaust du hin, wenn du die ganze Zeit in den leeren Raum redest? Am Ende haben wir jedenfalls einen normal langen Film gedreht, in dem ich genug Takes für zwei Schauspieler hatte. Ich schätze, noch ein Kollege mehr und wir hätten gar nicht genug Zeit zum Drehen gehabt. (lacht)

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